Texte - Archiv   ab Mrz 2003



1 Vom Sparen

Eine uralte Art des Sparens
ist das Sparschwein
Von den Sparschweinen
kommt vielleicht das Wort Sparschweinereien
Denn oft muss gespart werden
für eine Schweinerei
Auf die werden dann
die Ersparnisse verwendet
Je tödlicher die Schweinerei
desto lebhafter muss gespart sein
Je mörderischer
desto mörderischer das Sparen
Für jede Rakete zum Beispiel
muss sehr viel gespart sein
Da muss man jetzt sparen
damit einem dann nichts erspart bleibt
Wenn die Rechnung oben nicht stimmt
heisst es unten Sparen
Denn die Sparschweinereien
werden fast immer verfügt
von fetten Schweinen
auf Kosten der armen Schweine

Quelle: E. Fried, Es ist was es ist. Liebesgedichte Angstgedichte Zorngedichte, Verlag Wagenbach 1983

2 Lina Pluskal-Scholz zum 12. Februar 1934

Ich war ein Kind - damals im Februar-
ich war ein Kind, als sie auf das Arbeiterheim schossen,
auf das Arbeiteheim der Ottakringer,
der Linzer,
der Floridsdorfer.

Ich war ein Kind und sah vom Fenster aus zu,
wie sie Kanonen aufstellten
und gegen das Haus richteten.
Mein Vater war drinnen,
mein Onkel und seine Freunde.

Meine Schwester - knapp vier Jahre vorbei -
erbrach bei jedem Kanonenschuss.
Es hört sich nicht angenehm an
bei jeder Erinnerung an die Helden von damals -
aber es war so:

Die alten Häuser in der Umgebung zitterten,
sooft der Panzer um das Arbeiteheim fuhr.

Damals habe ich gelernt, was es heißt:
Eine Idee zu haben.
Eine Idee, die man verteidigt.
Eine Idee, für die man bereit ist zu sterben.(gekürzt)

(in: Roter Feber.Gedichte zum Februar 34, hrsg.v.W.Göhring, Eisenstadt 1984, Seite 72)


3 Max Bramberger, Ist Ostern da

Wenn ein Mensch stirbt,
der vorgestern noch da war,
der mir bedeutet,
den ich gut leiden konnte,
mit dem ich gerne zu Tisch saß,
mit dem ich redete,
den ich wohl empfand,
an den ich gerne denke

Dann tröstet mich die Auferweckung Jesu nicht,
dann tröstet mich die Hoffnung auf die Auferstehung Aller nicht,
sogar die Gewißheit, dass er jetzt ein Leben voller Glück hat,
tröstet mich nicht

Denn ich bin alleine
denn ich bin unruhig
denn ich lenke mich ab
denn ich zweifle immer wieder
denn ich halte es nirgends lange aus
denn ich trauere am Abend

Vielleicht ist Ostern trösten
vielleicht ist Ostern reden
vielleicht ist Ostern halten
vielleicht ist Ostern wieder stehen
vielleicht ist Ostern wieder wohl fühlen
vielleicht ist Ostern wieder trauen
vielleicht ist Ostern da sein

(in: Betriebsseelsorge Nachrichten Nr.2, S.11, Amstetten, April 2004)


4 Der Fischer und der Tourist
In einem Hafen liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Film in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, grüne See mit friedlichen, schneeweißen Wellenkämmen, schwarzes Boot, rote Fischermütze. Klick. Noch einnmal: klick. Und da aller guten Dinge drei sind und sicher sicher ist, ein drittes Mal: klick.

Das spröde, fast feindselige Geräusch weckte den dösenden Fischer, der sich schläfrig aufrichtet, schläfrig nach einer Zigarettenschachtel angelt... "Sie werden heute einen großen Fang machen." Kopfschütteln des Fischers. "Aber man hat mir gesagt, dass das Wetter günstig ist." Kopfnicken des Fischers. "Sie werden also nicht hinausfahren?" Kopfschütteln des Fischers, steigende Nervosität des Touristen ...

"Ich will mich ja nicht in ihre persönlichen Angelegenheiten mischen", sagt der Tourist zum Fischer, "aber stellen Sie sich mal vor, Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht ein viertes Mal aus und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht sogar zehn Dutzend Makrelen fangen. Stellen Sie sich das einmal vor!" Der Fischer nickt.

"Und wenn Sie", fährt der Tourist fort, "nicht nur heute oder morgen, sondern an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren - wissen Sie, was geschehen würde?" Der Fischer schüttelt den Kopf. "Sie würden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, und damit würden Sie natürlich viel mehr fangen. Eines Tages würden Sie dann zwei Kutter haben, Sie würden ..." Die Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme.

"Sie würden ein Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rumfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisungen geben. Sie könnten Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren - und dann ..." Wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache.

Kopfschütteln, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen Fischer munter springen. "Und dann", sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache. Der Fischer klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat. "Was dann?" fragt er leise. "Dann", sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, "dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen - und auf das herrliche Meer blicken."

"Aber das tu ich ja schon jetzt" sagt der Fischer, "ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur das Klicken Ihrer Kamera hat mich dabei gestört."

(nach Heinrich Böll, aus: PV Informationen, Juli 2004)


5 Der Gott, an den ich glaube

Ich glaube nicht an den Gott der Weihnachtsgeschäfte,
auch nicht an den Gott der prunkhaften Werbung.
Ich glaube nicht an den Gott, den die Menschen aus Lügen
und wie aus zerbrechlichem Lehm modelliert haben;
auch nicht an den Gott der herrschenden Ordnung
auf der Grundlage einer zugelassenen Unordnung.
Der Gott, an den ich glaube, ist in einer Höhle zur Welt gekommen,
war Jude, wurde von einem ausländischen König verfolgt
und zog wie ein Fremder in Palästina umher.
Er ließ sich begleiten von Leuten aus dem Volk.
Er gab denen, die Hunger hatten, zu essen,
denen, die im Dunkeln lebten, Licht,
denen, die im Gefängnis saßen, Befreiung,
denen, die Gerechtigkeit verlangten, Frieden.
Der Gott, an den ich glaube, stellte den Menschen über das Gesetz
und die Liebe über die alten Traditionen.
Er hatte keinen Stein, worauf sein Kopf ruhen konnte
und er war von den Armen gar nicht zu unterscheiden.
Der Gott, an den ich glaube, trug eine Krone aus Dornen
und einen Mantel, der wie aus Blut gewebt war.
Er hatte Leibwächter, die ihm den Weg freimachten,
wohlgemerkt - zum Klavarienberg,
wo er unter Räubern am Kreuz sterben musste.
Der Gott, an den ich glaube ist kein anderer als der Sohn Marias,
Jesus von Nazareth.
Alle Tage stirbt er durch unseren Egoismus.
Alle Tage steht er wieder auf, durch unsere Liebe.


(So formulierte der brasilianische Befreiungstheologe Frei Betto seinen Glauben an diesen Jesus von Nazareth. Wie würde ich formulieren?)

6 Medidation - Geld

Vor uns liegt ein Haufen Münzen
Wieviel geben wir davon aus?
Wofür ?
Wer hat es schon in den Händen gehabt?
Arme oder Reiche?
Was hat dieses Geld schon alles bezahlt?
Blumen, Essen oder vielleicht Waffen?
Rosen, Medikamente, Alkohol, ...
Hat dieses Geld Freude gemacht oder zerstört?
Hat es geholfen Arbeitsplätze zu schaffen oder zu zerstören?
(Kerze anzünden)
Wir wollen die Menschen hereinholen,
deren Gedanken sich nur darum drehen,
die darum betteln.
die nicht wissen,
ob es bis zum Monatsende reicht.
.........



Widerstandslitanei

Die Herrschenden können sie nicht mehr übersehen,
Fürchte Dich nicht, der Widerstand wächst.
Die Schrift, die steht ganz groß an der Wand.
Fürchte Dich nicht, der Widerstand wächst.
Die Beherrschten kehren sich vom Kopfnicken ab.
Fürchte Dich nicht, der Widerstand wächst.
Sie machen sich auf in ein neues Land.
Mut statt Angst, Leben statt Tod.
Einspruch wo Sachzwang, Widerstand wo Anpassung

Die Bischöfe geben leeres Reden auf.
Fürchte Dich nicht, der Widerstand wächst.
Sie sagen endlich ihr längst fälliges Nein.
Fürchte Dich nicht, der Widerstand wächst.
Die Priester schreiten mit ihnen zur Tat.
Fürchte Dich nicht, der Widerstand wächst.
Sie machen sich auf in ein Land.
Fürchte Dich nicht, der Widerstand wächst.
Mut statt Angst, Leben statt Tod.
Einspruch wo Sachzwang, Widerstand wo Anpassung.

Die Freunde Jesu blockieren die Straßen.
Fürchte Dich nicht, der Widerstand wächst.
Sie setzen ein Zeichen und zeigen es allen.
Fürchte Dich nicht, der Widerstand wächst.
Die Kinder in der Schule erfahren die Wahrheit.
Fürchte Dich nicht, der Widerstand wächst.
Wir machen uns auf in ein neues Land.
Fürchte Dich nicht, der Widerstand wächst.
Mut statt Angst, Leben statt Tod.
Einspruch wo Sachzwang, Widerstand wo Anpassung.

Hoffnung wider Hoffnung nährt unsre Träume.
Fürchte Dich nicht, der Widerstand wächst.
vom neuen Land, das Gott uns verheißen.
Fürchte Dich nicht, der Widerstand wächst.
Wir kommunizieren, wir reden und handeln,
Fürchte Dich nicht, der Widerstand wächst.
Wir machen uns auf in ein neues Land.
Fürchte Dich nicht, der Widerstand wächst.
Mut statt Angst, Leben statt Tod.
Einspruch wo Sachzwang, Widerstand wo Anpassung.

(D. Sölle, in: ArbeiterInnenlieder 2)

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