Toleranz
eine christliche Tugend
Ich
soll Ihnen etwas über Toleranz sagen. Das ist nicht leicht.
Es sieht auf den ersten Blick nicht nach einem aufregenden Thema
aus. Es schmeckt förmlich nach Anstrengung, nicht nach Genuss.
Man denkt sogleich an erzwungene Selbstbeschränkungen und nicht
an ein Verhalten, das möglicherweise auch Lust verspricht.
Unbestritten ist jedenfalls, dass "Toleranz" den Umgang
mit der Verschiedenheit der Menschen im Blick hat.
Es
gibt eine Ausrichtung, die unser Thema rasch beendet: "Es kann
nur immer einer recht haben - und das bin ich" oder "Wirkliches
Verstehen gibt es nur zwischen Seinesgleichen" oder "Was
anders ist an anderen, macht mir Unbehagen" oder "Ich
fühle mich nur unter ÖsterreicherInnen wohl" oder
"Das Fremde bedroht mich" oder auch "Kulturelle Vermischungen
führen nur zu Spannungen" bis hin zur Aussage "Echtes
Heimatgefühl gibt es nur in einem völkisch reinen Staat".
Wer diesen und ähnlichen Sätzen zustimmt, hat den Wert
toleranten Verhaltens noch nicht erkannt, den Genuss der Toleranz
noch nicht verkostet.
Toleranz
ist eine bestimmte Weise, ja eine Kunst, mit den Unterschieden zwischen
uns Menschen anregend und lebensfördernd umzugehen.
Es gibt allerdings die nicht wenig verbreitete Einstellung, Toleranz
sei etwas eher Schwächliches, ein konfliktscheues Zurückweichen
vor dem eigenen Wahrheits- und Geltungsanspruch, eine zu weiche
Tugend angesichts der beschleunigten Kultur mit ihren beruflichen
und sonstigen Konkurrenzverhältnissen, in der eine neue Form
konkurrenzlustiger, frecher "Männlichkeit" verlangt
wird. Sie sei ein schlampiges, nachsichtiges Verhalten dem andern,
dem Fremden gegenüber, ein Zeichen des Niedergangs einer Kultur:
"Wer tolerant ist, hat schon verloren."
Wenn wir uns aber mit Toleranz positiv und nicht abwertend beschäftigen,
dann ist es unvermeidlich, diese als Aufforderung zu verstehen:
"Sei tolerant!" - und das mit guten Gründen. Toleranz
soll wenigstens in dieser Stunde nicht als nachlässige, feige
Beliebigkeit, vielmehr als ein wohlüberlegtes, erfolgsorientiertes,
effizientes Verhalten und als ein zentraler Bestandteil einer modernen
christlichen Lebenskunst betrachtet werden.
Es ist die Absicht meines Vortrags, Sie vom anfänglichen, ermüdenden
Gefühl der Anstrengung und des Erduldens zur Freude am Unterschied
zu führen und die Tugend [Tauglichkeit] der Toleranz geradezu
als modernes Elixier für ein aufregendes Leben sichtbar zu
machen.
Ein
wichtiger Hintergrund der folgenden Ausführungen ist die Tatsache,
dass wir schon lange nicht mehr in einer geschlossenen, v.a. bäuerlichen
Umwelt mit den immer gleichen Menschen leben und arbeiten, vielmehr
uns in einer hochmobilen privaten wie beruflichen Gesellschaft befinden,
in der wir tagtäglich den unterschiedlichsten Menschen begegnen,
früher getrennte Kulturen sich miteinander vermischen und die
Globalisierung, eine weltweite Vernetzung, zunimmt.
Das Thema "Toleranz" benennt hochaktuelle Verhaltensweisen,
um in den modernen Zeiten menschenwürdig leben zu können.
Was
den Zugang zum Thema erschwert, ist die durch die Massenmedien erzeugte
Fixierung auf den Konflikt, auf die unausgesetzte Bearbeitung der
menschlichen, kulturellen und politischen Unterschiede als quotenträchtige
Wunde. Der Streit ist lustbesetzt, nicht seine Lösung.
Wer in Zeitungen über Skandale berichtet, hat Leserinnen und
Leser. Wer korrupte Unternehmer an-klagt, über Kindesmissbrauch,
Mord und Totschlag schreibt, kann sich des Interesses sicher sein.
Schreiduelle im Parlament, Anspielungen auf die "braune"
Vergangenheit, antisemitische Ausfälle, der Streit von Bischöfen
und Politikern, Scheidungen Prominenter, kriegsähnliche Zustände
in fernen Ländern, die europäische Maul- und Klauenseuche
oder die Finanzkrise einer oö. Fußballmannschaft beschäftigen
die Leute. Der Konflikt ist allemal bewegender als seine Überwindung
und das Gelingende findet wenig Beachtung.
Doch Toleranz hat damit zu tun, dass zwischen Menschen etwas gelingt.
Toleranz
ist eine unspektakuläre Tugend. Wohl gibt es immer wieder Aufrufe
zur Toleranz, in die Schlagzeilen gerät tolerantes Verhalten
aber nicht. Toleranz steht nicht schroff und steil und alle Aufmerksamkeit
auf sich ziehend in der kulturellen Landschaft, vielmehr ist sie
ein "flaches" Verhalten, etwas, was sich nicht vordrängt.
Konflikt, Streit und Krieg ragen sofort und weit in unsere Aufmerksamkeit
hinein, erzeugen und bündeln starke Emotionen. Toleranz und
friedfertiges Verhalten dagegen sind kaum sichtbar, erzeugen keinen
Wirbel, entspannen sogleich und ebnen leicht hochspielbare Unterschiede
zwischen den Menschen ein. Toleranz erregt nicht, sondern befriedet.
Mit Intoleranz gegenüber dem Fremden, dem nicht mit sich selbst
Gleichen, z.B. gegenüber AusländerInnen oder jüdischen
ÖsterreicherInnen, mit der Ausgrenzung von Minderheiten kann
man die Medien beschäftigen, politische Aufmerksamkeit erregen
oder bei Wahlen erfolgreich sein. Und dies, obwohl wir ohne Toleranz
keinen einzigen Tag im Frieden miteinander leben könnten.
So wie wir atmen, der Tag vergeht und die Wolken ziehen, in derselben
Gleichmäßigkeit ertra-gen und erdulden wir den anderen,
lassen wir ihn gelten - wie es auch die Bedeutung des aus dem Lateinischen
kommenden Wortes nahelegt: tolerare = ertragen, erdulden, aushalten.
Damit ist schon einiges ausgesagt. Wie Sie im folgenden aber sehen
können, werden wir diese Bestimmung von Toleranz deutlich ausweiten.
Obwohl
tagtäglich von uns allen praktiziert - wenigstens unseren Ehepartnern
und pubertierenden Kindern gegenüber, wirkt Toleranz nicht
recht anziehend, eher als ein Zugeständnis, etwas, was wir
uns abringen müssen - wie in einem Überschwemmungsgebiet,
wo die Menschen den Gewalten der Natur immer wieder Land abringen,
Gräben ziehen, Dämme aufschütten müssen.
Toleranz ist eine seelische Leistung, wozu wir von Natur und spontan
nicht zu neigen scheinen. Wird im christlichen Kon-text von ihr
gesprochen, wird sie rasch in die Liste der sittlichen Pflichten
eingeordnet. Man spürt den moralischen Druck, diese ermüdende
katholische Anständigkeit: ein Christ darf nicht egoistisch,
rücksichtslos oder aggressiv sein, er soll alle lieben können.
Früher nannte man dies u.a. auch: Duldsamkeit, Opferbereitschaft.
So haben z.B. unzählige Generationen von Frauen ihre groben,
trunk-süchtigen, triebhaften Männer ertragen. "Einer
muss ja nachgeben" und das hieß: Die Frau hatte nachzugeben.
Wie
kommt man aus einem eher negativen, langweiligen Verständnis
und Empfinden von Toleranz heraus? Wie kann es aufregend, gar lustvoll
werden, tolerant zu sein? Das ist auch eine Hauptfrage meines Vortrags.
Um Antworten zu finden, sollen fünf Stufen der Toleranz beschrieben
werden.
1.
Die freudige Lust am Unterschied
Normalerweise verbinden wir mit Toleranz etwas Mühevolles.
Im Lexikon steht: "Toleranz ist Ertragen und Geltenlassen des
anderen" oder "Toleranz ist die Duldung und unter Umständen
auch Achtung gegenüber der Überzeugung und Lebensweise
Andersdenkender". Auch in einer Lexikon-Definition steht also
die Anstrengung im Vordergrund.
Nun
gibt es aber Zusam-menhänge, in denen wir das Anderssein der
anderen nicht erdulden und erleiden müssen, son-dern Lust und
Freude darüber empfinden. Wir freuen uns am anderen, an seinen
Eigenschaften, seinem Können. Wir freuen uns, daß wir
nicht alle gleich sind.
·
In der Planung von Männerbildungsveranstaltungen werden alle
möglichen Vorschläge geäußert. Die Lebendigkeit
des Austausches unterschiedlichster Interessen und Vorlieben erzeugt
geradezu die lustvolle Stimmung, aus der schließlich die Einigung
auf gemeinsame Vorhaben entspringt.
·
Jeder von uns liebt seine Frau, seine Partnerin gerade auch, weil
sie anders ist, weil sie Erfahrungen und Einstellungen in die gemeinsame
Geschichte einbringt, die einem selber fehlen. Und umgekehrt ist
man zuweilen überrascht, wenn man von seiner Frau für
Eigenheiten oder Begabungen geliebt und geachtet wird, die man an
sich selbst nicht besonders schätzt oder noch gar nicht richtig
wahrgenommen hat.
Das Spannende in Beziehungen entsteht aus dem Unterschied. Das mag
zwar in den ersten Jahren einer Beziehung immer wieder belastend
sein, auf Dauer sind die Unterschiede aber ebenso wichtig wie die
Ähnlichkeiten, sofern man allerdings reif genug geworden ist,
sich an den Unterschieden zu erfreuen, ihre positive Energie zu
verstehen.
·
Besonders eindrucksvoll ist die Bedeutung des Unterschieds im Bereich
der Sexualität. Will man nicht allein und bei sich bleiben,
ist es die Verschiedenheit, die Anwesenheit einer anziehenden anderen
Person, die die erotische Spannung er-zeugt. Und das Aufregende
der Sexualität ist gerade das Körper und Seele erfassende
Ereignis intensiven Beisammenseins zweier verschiedener Menschen.
Es
gibt also die Freude am Unterschied. Der andere ist nicht der gefährliche,
räuberische Konkurrent, sondern eine Quelle der Lust - und
die Seele bekommt Flügel.
Wem die fundamentale Bedeutung der Differenz zwischen den Menschen
als Ermöglichung eines beziehungsreichen, aufregenden Lebens
nicht sogleich deutlich werden kann, dem sei folgendes Gedankenexperiment
empfohlen: 1. Alle Menschen sind Männer. 2. Alle Männer
sind katholisch. 3. Alle Männer auf Erden sind Mitglieder der
KMB. 4. Alle katholischen KMB-Männer sind dem Papst, dem obersten
Mann, vollständig gehorsam und untertänig. 5. Alle dem
obersten Mann huldigenden KMB-Männer sehen gleich aus und verhalten
sich gleich. 6. Jede Verschiedenheit ist verschwunden. 7. Das Leben
erlischt.
2.
Das lebendige Interesse am anderen
Bevor das geduldige Element an der Toleranz in den Vordergrund tritt,
gibt es das weite Feld des aufmerksamen, anregenden Interesses am
andern, an seinen Überzeugungen und Lebenswei-sen.
·
In einer KMB-Abendveranstaltung spricht der geladene Referent zum
Thema "Die politische Lage in Österreich". Sehr bald
merke ich, dass er die politischen Verhältnisse ziemlich kritisch
beurteilt. Ich werde unwillig, beschließe dann aber, den Einschätzungen
des Referenten einmal möglichst vorbehaltlos zuzuhören.
Ich gewinne zu meiner Überraschung einige Erkenntnisse, die
meinen Horizont erweitern.
·
In einer kleinen Gesprächsrunde beschäftigen wir uns mit
der erst seit kurzem offener besprechbar gewordenen, auch kirchlich
diskutierten "Homosexualität". Mir ist das alles
eher unangenehm, weil ich seit jeher Homosexualität als widernatürlich
und unsittlich zu beurteilen gelernt habe. Ein Teilnehmer outet
sich überraschend als homosexuell und erzählt aus seinem
Leben, von der bedrückenden Verschwiegenheit, von der Scham
und den tiefen Selbstzweifeln. Angesichts der konkreten, durchaus
sympathischen Person erwacht mein Mitgefühl und mein Interesse
an einem anderen Männerleben.
·
In meinem Betrieb komme ich aufgrund meiner freundlichen Art und
meiner unverbindlich gemeinten Frage "Na, wie geht's?"
unverhofft in einen lebendigen Kontakt mit einer muslimischen Putzfrau
aus Bosnien. Sie erzählt mir von ihren Sorgen mit den Kindern,
vom tagelangen Wegsein des Mannes als Transportfahrer, von den beengten
Wohnverhältnissen im Zusammenleben mit den Schwiegereltern,
den früheren vielfachen Versuchen, eine Beschäftigungsbewilligung
zu erhalten und schließlich auch noch von der Flucht vor dem
Krieg. Plötzlich nehme ich sie wahr - als einen Menschen wie
du und ich - und bemerke, da ich außer "dobro" [=gut]
kein Wort Serbokroatisch kann, wie gut sie eigentlich Deutsch spricht.
Eigentlich
sind wir sehr neugierig auf andere Menschen. Wir haben an sich nicht
geringes Interesse am Leben anderer. Und eigentlich möchten
wir gerne wissen, wie Menschen aus anderen Völkern sind - übrigens
ein nicht geringes Motiv für unsere Urlaube in ferneren Ländern.
Wir suchen geradezu den Unterschied, weil durch ihn unser eigenes
Leben in seiner Eigenart deutlicher wird. Nichts Bedrohliches kommt
uns von den anderen entgegen, keine anstrengende Toleranz ist verlangt.
Wir bemerken die Vielfalt. Und das andere Leben ist möglicherweise
auch ein Reservoir für uns, bisher ungelebte Dimensionen erkennen
zu können und nicht eingeschlossen zu bleiben im engen Geviert
des bisherigen Lebens, der eigenen Kultur.
3.
Das alltägliche Respektieren der anderen
Hier nun setzt das Fordernde des Toleranzprogramms ein. Die "Kunst
der Toleranz" beginnt.
Der Unterschied wird spontan nicht mehr als anregend, interessant
und bereichernd erfahren. Wir werden mit dem uns zunächst Unvertrauten
konfrontiert. Der andere tritt uns mit Eigenheiten gegenüber,
die nicht die unseren sind. Der Unterschied ist da. Aber sein Gewicht
ist noch gering, ihn zu respektieren im Rahmen normaler, alltäglicher
Möglichkeiten. Die Forderung der Toleranz entspricht unserer
üblichen Bereitschaft zur Großzügigkeit und zum
Kompromiss, für die wir zuweilen auch Anerkennung erfahren.
·
Meine Frau kann abends noch lange aufsein, morgens dagegen fällt
ihr das Aufstehen schwer. Bei mir ist es umgekehrt. In den ersten
Ehejahren war das nicht selten ein Problem. In den Jahren der Ehe
habe ich allmählich akzeptiert, dass dies ihr Rhythmus, ihre
Veranlagung ist. Nur mehr selten dränge ich sie, früher
zu Bett zu gehen.
In den ersten Ehejahren kam es immer wieder zum Konflikt, weil sie
bei geöffnetem, ich aber bei geschlossenem Fenster schlafen
wollte. Es gibt keine wissenschaftliche Theorie, die das eine oder
andere für besser hält. Seit Jahren schlafen wir nun -
außer im Winter - bei gekipptem Fenster.
·
Ein Freund braucht keinen Gott und kein Leben nach dem Tod, um im
Leben Sinn zu fin-den. Ein befriedigendes, möglichst lustvolles,
wenn auch begrenztes Leben reicht ihm. Meine Versuche, ihm die Be-schränktheit
seiner Perspektive zu zeigen, greifen nicht. Da scheint kein Gespür
zu sein für die Weitung des Lebens durch einen Gott, wie ich
es erlebe. Ich kann seine Einstellung zwar nicht wirklich nachvollziehen,
will aber seine Überzeugung respektieren.
· Gehen fünf Menschen auf einen hohen Aussichtsturm,
werden einige sich fürchten und schwindelig werden, andere
Lust empfin-den. Sollen alle fünf dasselbe erleben? Wer Furcht
hat, hat Furcht und niemand kann sie ihm ausreden. Und keiner wird
den Furchtsamen hindern, den Aussichtsturm rasch wieder zu verlassen.
Es
gibt also ein weites Feld unterschiedlicher Verhaltensweisen, dessen
Respektierung zur Alltagsroutine gehört. Gerade in den wichtigsten
Lebensbereichen - Familie und Beruf - kennen wir die mit uns lebenden
und arbeitenden Menschen ziemlich gut. Und wissen daher auch meist
sehr genau, was dem einen gefällt und der anderen zuwider ist.
Wir wissen, wie jemand am Morgen behandelt werden will oder wer
besonders viel Anerkennung braucht. Wir wissen auch, was uns an
anderen stört und vielleicht auch, was anderen an uns lästig
ist.
Weil wir im Frieden miteinander leben wollen, haben wir im Laufe
der Jahre ein umfangreiches Repertoire an Verhaltensweisen erlernt,
mit dem wir uns oft blitzschnell auf die jeweilige Person einstellen
können. Wir versuchen, mit den Unterschieden produktiv zu leben,
sie sind für uns selbstverständlicher Alltag, wir gestalten
sie. Weil wir aber sehr vielfältige, nuancenreiche, nicht die
immer selben Wesen sind, weil wir uns in unterschiedlichen Typen
von Temperamenten ausdrücken, weil es die Tagesverfassung gibt
und das Niederdruckwetter, ist unser Zusammenleben von vielfältigen,
aber durchaus normalen Störungen und Konflikten durchzogen,
die wir aushalten, austragen oder auch unterdrücken.
Den Menschen und auch der eigenen Konfliktscheu zuliebe verhält
man sich entsprechend, meidet anstoßendes Verhalten, toleriert
andere Praxis im Bewußtsein, daß auch wir Eigenheiten
haben, die wir respektiert wissen wollen. Das gehört zur Normalität
und ist mit ein Grund, warum wir am Abend immer so müde sind.
Noch
ein Wort zur Konfliktscheu, ein kleines Plädoyer gegen den
konfliktgierigen Gegenwartstrend, ein Plädoyer für Menschen,
die Konflikte lieber vermeiden. Sie sind nicht die unangenehmsten
Zeitgenossen. Es ist noch nicht ausgemacht, was gesünder ist:
die rasche Reaktion auf Spannungen, das Besprechen und Austragen
aller Unterschiede, das Nachtragen von Verletzungen - oder das Schweigen,
das Seinlassen, das Hinunterschlucken kleiner Mengen von Ärger
und schließlich das Vergessen, eine der besonders eindrucksvollen,
friedenserhaltenden Begabungen des Menschen.
4.
Das mühevolle Ertragen des Unterschieds
Eine zentrale Bedeutung von Toleranz, ihre besonders fordernde Dimension
ist erreicht. Eine besondere Eigenheit eines anderen ist zu ertragen
oder eine eigentümliche Person als ganze auszuhalten. Zu erdulden
ist, was einem zuwider, gegen die eigenen Gefühle und Überzeugungen,
gegen die eigene Natur ist.
·
In einer Ehe ist ein Teil aufgrund seiner Erziehung, seines Naturells
außerordentlich stark an Ordnung in-ter-essiert, Unordnung
ruft sofort Ärger - "Wie schaut es denn hier aus!"
und aufräumenden Bewegungsdrang hervor. Der Ehe-part-ner dagegen
nimmt Unordnung kaum wahr, ja fühlt sich erst wohl, wenn einiges
her-umliegt. Wie wird man sich einigen, wer wird wen tolerieren?
Kann der Ordnungsliebende einige Unordnung aushalten? Kann der Unordentliche
seine Chaosempfindungsgrenze senken?
·
Berufliche Zusammenarbeit, zwei Menschen z.B. in einem gemeinsamen
Büro. Zwei Lebenswelten treffen aufeinander. Des einen Naturells
ist es, anstehende Arbeiten sofort zu erledigen, auch wenn es die
Termine noch nicht verlangen. Der andere lässt erst einmal
alles liegen, braucht den Termindruck, um effizient arbeiten zu
können. Beides hat seine Vorteile. Nun gibt es aber Aufgaben,
die beide betreffen, die nur gemeinsam gelöst werden können.
Der Langsamere wird vom Raschen bedrängt, gegen seine Natur
etwas mit ihm zusammen auf der Stelle zu besprechen, zu entscheiden
oder zu bearbeiten. Verzögerung macht ihn ärgerlich. Was
nun? Kann jeder dem anderen ein wenig entgegenkommen, kann jeder
der beiden die Vorteile des anderen Verhaltens erkennen? Selbst
dann bleibt der Unterschied vorhanden, ist eine latente Quelle von
Unfrieden, an der die fordernde Mühsal der Toleranz geübt
werden kann.
·
Hierher gehört auch der weite, konfliktreiche Bereich des Verhältnisses
der Generationen, von Alt und Jung. Die Jungen haben andere Lebensgewohnheiten,
stehen später auf, geben ungehemmter Geld aus, leben offensichtlich
nach einer anderen Sexual- und Beziehungsmoral, finden weniger oft
oder gar nicht mehr in den Sonntagsgottesdienst. Die Älteren
dagegen haben jahrzehntelang geübte Gewohnheiten, die sie kaum
mehr ändern wollen.
Überall und rasch lassen sich Unterschiede finden. Und nicht
selten zählt die überaus friedlose Beziehung zwischen
Alt und Jung zu den größten Belastungen eines Lebens
- bis hin zum Ausbruch körperlicher Gewalt.
Wie halten sich die Generationen gegenseitig aus? Wie schaffen sie
es, sich nicht im Gegensatz, im Streit zu fixieren, sondern im Gespräch
zu bleiben oder sogar zu gegenseitiger Anerkennung zu finden?
Ein
besonderer Bereich der anspruchsvollen Toleranzforderung ist der
Umgang mit AusländerInnen. Die durch Internet, Verkehr und
Wirtschaft hochmobile, globalisierte Kultur, die anstehende EU-Ost-Erweiterung,
die Flüchtlingsbewegungen aus Krisenzonen werden uns alle noch
viel mehr als bisher vor große Herausforderungen und in neue
Lernsituationen bringen. Ein Zurück in eine Welt voneinander
abgegrenzter Sprach- und Volksgruppen gibt es nicht mehr. Defensives
Verhalten mag kurzfristig beruhigen, ist aber kein Weg in die Zukunft.
Die nächste Zukunft wird ohne Zweifel die multikulturelle Gesellschaft
sein [so auch der Zukunftsforscher Matthias Horx, in: ORF-Betrifft,
22.4.2001]. Je früher wir uns darauf positiv einstellen, um
so besser.
Die vereinzelten Konflikte um ein Gebetshaus oder eine Moschee für
muslimische MitbürgerInnen sind nur der Anfang. Was unangenehm
beginnt, kann aber auch zu einer erfolgreichen Lerngeschichte werden
und zu einer bereicherten Kultur führen.
Noch aber ist es nicht so weit. Wir sind die erste Generation, die
seit Anfang der 70iger Jahre mit einer größeren Anzahl
ausländischer "Gastarbeiter" konfrontiert war. Eine
Kultur lernt aber in größeren Zeiträumen, braucht
mindestens die Zeit von zwei Generationen.
·
Jemand fühlt sich z.B. schon unangenehm berührt, wenn
ein Nicht-Österreicher in der Nähe auftaucht oder bloß
vorübergeht. Wie soll man dieses eigenartige Empfinden erklären?
Das "Fremdeln" als sinnvolle, notwendige Episode in der
Entwicklung von Kleinkindern, in der sich das Ich von den andern
zu unterscheiden lernt, hat aus nicht mehr rekonstruierbaren Gründen
keinen Abschluss in einer einigermaßen selbstsicheren Identität
gefunden. Die "Ich-Stärke" bleibt unterentwickelt
- und so fühlt sich jemand rasch vom Fremden bedroht. Je dunkler
die Hautfarbe, um so größer das Befremden. Das "Fremdeln"
setzt sich fort und wächst sich im Erwachsenenalter zur Fremden-
und AusländerInnenfeindlichkeit aus. "Wer fürchtet
sich vorm schwarzen Mann?", einst ein lustiges Kinderspiel,
wird zum verbitterten, bis in die Gesetzgebung hinein wirksamen
Verhaltensprogramm Erwachsener. Politische Gruppierungen, vom selben
Unsicherheitsproblem betroffen, nähren die Ängste und
gewinnen damit Zulauf.
·
Was tun, wenn es jemand z.B. sehr schwer erträgt, mit ausländischen
MitarbeiterInnen zusammenzuarbeiten und wiederholte Toleranzforderungen
wirkungslos bleiben? . Man kann versuchen, die Diensteinteilung
so zu gestalten, dass jener Person die Zu-sammenarbeit mit einem
Ausländer, einer Ausländerin erspart wird. Das ist nicht
lustig. Das ist nicht wirklich befriedigend. Aber wenigstens ist
es möglich, eine scheinbar unüberwindbare Intoleranz durch
Regelungen zu tolerie-ren.
Besser wäre es, der fremdelden Person eine Erfahrungsgeschichte
mit AusländerInnen zuzumuten, sie zu bitten, es eine Zeit lang
zu versuchen, so dass im direkten Kontakt von Mensch zu Mensch Verständnis
und Vertrauen, vielleicht sogar Zuneigung entstehen könnten.
Wenig bekannt ist, dass es Betriebe oder Zusammenschlüsse von
Handelsfirmen gibt [z.B. Shopping-City-Süd, Wien], in denen
das Verkaufspersonal für den Umgang mit ausländischen
Kunden geschult wird, um Geringschätzung und Beleidigung zu
verhindern. Es gibt auch Firmen, in denen ausländerInnenfeindliches
Verhalten mit Kündigung bedroht ist.
Zweifellos
gibt es viele Situationen, in denen uns Menschen und ihr Verhalten
auf die Ner-ven gehen, in denen uns ein Fremder gegenübertritt.
Die Lust am Unterschied ist ins Gegenteil verkehrt. Der andere lastet
mit seiner Person, mit bestimmten Eigenheiten auf uns und verdunkelt
unser Leben - oder macht uns mit seiner Hautfarbe Angst.
Es gibt die gedankenlosen, defensiven Möglichkeiten, damit
umzugehen. Man kann sich aus dem Wege gehen, ein Volksbegehren für
"Österreich zuerst" unterschreiben, den anderen -
meist ohne Erfolg - verändern wollen oder ihn stumm leidend
ertragen. Man kann bitter und zynisch werden, politisch nach rechts
rücken, sich vom Leben ungerecht behandelt fühlen und
sich vergeblich eine andere Gesellschaft wünschen.
Wie man ein Fußballspiel nicht defensiv, sondern nur durch
Offensive gewinnen kann [was Ivica Osim, Heribert Weber und alle
Trainer der Welt ihren Spielern unentwegt erklären], so bestehen
auch wir die Herausforderungen des Lebens nur und leichter mit positiver,
offensiver Einstellung.
Produktiver als die verkrümmende Angst vor dem Neuen und Fremden
ist eine wache, neugierige Lernbereitschaft. Lernen, sich neuen
Horizonten öffnen, Leben als ständige Herausforderung
sehen - bringt auch ein reicheres, bewegteres Leben hervor. Vielleicht
hilft dazu die wiederholte Meditation von vier entscheidenden, friedenssichernden
Sätzen: 1. Niemand verantwortet seine konkrete Herkunft, seine
Hautfarbe und Volkszugehörigkeit, seine grundlegenden Charaktereigenschaften
selber - sie sind dem einzelnen für sein Leben vorgegeben.
2. Jedes Menschenwesen will glücklich und in seiner Eigenart
anerkannt sein. 3. Jeder liebt und beschützt seine Kinder und
will für sie ein gutes, von den anderen gewürdigtes Leben.
4. Wir sind nur vorübergehend auf Erden. Wir alle werden sterben.
Angesichts der begrenzten Lebenszeit soll daher jeder und jede seine
und ihre ureigene Lebensart leben können dürfen, soweit
es die Menschenrechte nicht verletzt.
Dabei
ist noch ein weiterer Punkt zu bedenken:
Jeder von uns hat auch Verhaltensweisen, mit denen man selber nicht
zufrieden ist, die man gerne änderte, wenn man es könnte,
wenn man den Willen dazu aufbrächte.
Einer leidet z.B. darunter, in Gruppen von Menschen immer dominieren
zu müssen ["Platzhirsch-Syndrom"]. Und er hat es
oft und wiederholt erlebt, dass er sich nach solchen Auftritten
schämt und verabscheut. Aber allen Bemühungen um sittliche
Vervollkommnung zum Trotz vermag er sich in diesem Punkt nicht zu
ver-ändern. Was also tun? Er willigt ein, sich selbst mit diesem
Verhalten zu er-tragen, sich den anderen zuzumuten und den damit
verbundenen Liebesverlust zu erleiden.
Das ist auch eine besondere Pointe unseres Themas: Wir alle haben
Eigenschaften, die wir an uns selber zu tolerieren, zu ertragen
haben. Wir sind mit uns selber uneins. Wir sind nicht so, wie wir
gerne sein wollen. Und ob man mit den Jahren mit sich versöhnter
und einverstandener wird, ist bislang ungewiss.
Die normalen, üblichen Weisen, mit dem Unterschied, dem Anderssein
der anderen produktiv umzugehen, sind damit benannt. Nicht besprochen
wurden Situationen, in denen Toleranz nicht gelingt oder nicht sinnvoll
ist. Was geschieht, wenn die Zumutung der Toleranz nicht ergriffen
wird? Doch das ist ein anderes, zweifellos gewichtiges Thema. Es
könnte unter der Überschrift "Konflikt und Konfliktlösung"
behandelt werden. Und dann gibt es viele familiäre und berufliche
Situationen, die nicht nach Toleranz, sondern nach Abgrenzung und
Neinsagen verlangen, z.B. in der Kindererziehung oder im Umgang
mit seiner Arbeitszeit. Doch auch dies gehört zu anderen Überlegungen.
Mit diesen Hinweisen auf Fragestellungen, die mit unserem Thema
zusammenhängen, könnte ich nun schließen.
Es gibt aber noch einen weiteren, fünften Punkt.
5.
Das bedrückende Erleiden aggressiver Differenz
Neben den skizzierten Beispielen, in denen die bisher genannten
vier Arten von Toleranz möglich sind, gibt es nun aber noch
Ereignisse, in denen wir bedrückendem, aggressivem, kurzfristig
unveränderbarem Verhalten anderer begegnen, in denen uns das
Fremde in einer verachtenden, gewalttätigen Form schroff entgegentritt,
Ereignisse, für die die bisher genannten Strategien der Toleranz
nicht ausreichen. Soll hier - womöglich gegen das eigene Gewissen
- Einsatz physischer Energie, Gegengewalt, an die Stelle der Toleranz
treten? Ist in diesen Situationen das Toleranzprogramm am Ende?
Und sind hier für Unterlegene und Ohnmächtige noch Wege
über das stumpfe Erleiden, die Verzweiflung oder den Zynismus
hinaus denkbar?
Jesus
von Nazareth benennt diesen steilen, schier übermenschlichen
Weg. In der Bergpredigt in Mt 5,38ff [vgl. Lk 6,29] finden sich
die Sätze: "Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist,
Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet
dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern
wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm
auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht brin-gen will,
um dir das Hemd wegzunehmen, dann laß ihm auch den Mantel."
In ihrer radikalen Wucht wahrscheinlich authentische Aussagen Jesu,
mindestens aber Sätze, mit denen der Evangelist das Unerhörte
der Botschaft und der Praxis des Mannes aus Nazareth in entsprechende
Worte fassen wollte.
Über diese Stelle im Neuen Testament wird kaum gepredigt, ihre
Auslegung in heutige Bedeutung hinein wenig versucht.
So viel wenigstens für jetzt: Diese Aussagen sind keine Anleitung
zum Opfersein, wollen nicht Resignation oder Masochismus propagieren,
sondern formulieren eine Einladung zu einem ungewöhnlichen
Verhalten, das die übliche Logik der Welt, die Dynamik der
vertrauten Reaktionen durchbricht. Solches Verhalten, eine Konkretion
der jesuanischen Aufforderung zur Feindesliebe [Mt 5,43ff, Lk 6,27ff],
beendet die Gewalt und verhindert die Spirale der Gewalttätigkeit,
weil auf Gegengewalt vollständig verzichtet wird, ja mehr noch
und das ist die eigentliche, erst nach einiger Meditation erkennbare
Pointe: weil hier der Angriff nicht bloß stumm oder feig ertragen
wird, sondern im Gegenteil dem Gewalttätigen sogar noch etwas
angeboten wird. Aber wiederum nicht aus Opfersinn oder Feigheit,
sondern mit einer wohl kalkulierten Absicht: Das Angebot der zweiten
Wange und des Mantels will den Zusammenbruch der Aggression erreichen.
Der Gewalttätige wird beschämt, in seiner Aggression gehemmt
und möglicherweise zur Reue provoziert. Wird er denn dann wirklich
auch auf die zweite Wange schlagen, wird er dann tatsächlich
nicht nur das Hemd, sondern auch noch den Mantel mitnehmen? Ist
es nicht wahrscheinlicher, dass er sich - da ihm unerwartet eine
freie und entblößte Gewaltlosigkeit begegnet - nach dem
ersten Schlag zurückzieht und auch das Hemd nicht mehr beanspruchen
will?
Diese nicht mehr steigerbare "Raffinesse der Liebe" [Liebe
ist nicht bloß das Süße, Cremige, sie ist auch
hart und provokant und geht über die Grenze des Erträglichen
hinaus], die Anweisung zum Gewaltverzicht und zur Provokation von
Reue und Versöhnung zählt zur Mitte des Evangeliums, ist
vielleicht sogar sein Zentrum und zeigt, warum die Christen mit
Recht an die Unüberbietbarkeit der jesuanischen Botschaft glauben.
Denn die Gewalt in allen ihren verbalen und körperlichen Formen
ist das, was unser Leben am meisten belastet. Erst wer die Gewalt
zu beenden weiß, befreit uns zu einem menschenwürdigen
Leben.
Aber noch einmal: Niemals propagiert Jesus bloß stille Ergebenheit,
dumme Duldung oder schwächliches Nachgeben. Jesu entschiedenes
Motiv ist es, im Vertrauen auf Gott die positive Kraft und überraschende
Wirkung der Gewaltlosigkeit hervorzurufen, um immer und in allen
Lagen den Menschen zum Lieben zu bewegen.
Diese
radikalste Form von Toleranz zielt auf die "Torheit" des
Kreuzes selbst. Von Anfang an verzichtet Jesus auf gewaltbereiten
Widerstand, läßt sich in der Hoffnung auf eine Gewalt
überwindende Liebe verspotten und lästern. Der Gewaltverzicht
wird ihm das Leben kosten.
Aber man muß genau zusehen, die Grenze zum Falschen ist dünn.
Es geht in der Nähe zu Jesus nicht darum, schlimme, aber veränderbare
Situationen passiv und duldend zu ertragen. Eine Frau muss nicht
in einer Ehe blei-ben, in der sie immer wieder geschlagen wird.
Man muss nicht mit Kindern oder Schwiegereltern zusammenleben, wenn
man immer wieder zurückgewiesen oder gedemütigt wird.
Man muss berufliches Mobbing nicht stumm ertragen.
Und schon gar nicht sind diese Jesu-Sätze für Situationen
gemeint, in denen wir Gewalt, die andern geschieht, erleben. Sie
betäuben nicht unser Engagement für andere. Toleranz für
Unrecht an andern gibt es nicht. Hier ist einzuschreiten, dazwischenzugehen,
Zivilcourage gefordert. Aber das ist ein anderes Thema, denn die
Forderung nach Toleranz zielt zunächst immer auf Ereignisse,
in denen uns selber etwas geschieht.
Es gibt aber Situationen und jeder von Ihnen kennt sie, in denen
man an sich selbst erlittenes Unrecht nicht mit Zorn, Gegengewalt
oder Flucht abwehrt, sondern bei sich zu Ende kommen lässt.
·
Ein Mann, in seiner Kindheit - wie viele andere auch - von seinem
Vater geschlagen, will dies seinen Kindern nicht antun. Er spürt
es noch heute, wie der gewalttätige Angriff auf seinen jungen
Körper sich ausgewirkt hat. Er setzt dieses Verhalten nicht
fort und bringt die sündige Tradition des Schlagens von Kindern
bei sich zu einem Ende.
Es heißt, wer als Kind geschlagen wurde, schlägt auch
seine Kinder. Aber man kann daraus aussteigen, die Neigung zur Wiederholung
des Erlittenen an anderen, die "Erbsünde", bei sich
zu Ende bringen.
·
Franz Jägerstätter stieg aus der Spirale der militäri-schen,
nationalsozialistischen Gewalt aus, verweigerte den Dienst mit der
Waffe und nahm die tödlichen Folgen auf sich. Wenigstens ihn
ihm ist die kriegerische Gewalt an ein Ende gekommen. Mit dieser
Entschiedenheit, motiviert aus dem Glauben, ist er - mit oder ohne
Seligsprechung - in die Geschichte der Christenheit eingegangen.
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Maximilian Kolbe. Im Terror des Nazi-Regimes nahm er 1941 in Auschwitz
als 47-Jähriger den Tod auf sich, um einen Familienvater zu
retten. In einer Situation, auf die niemand vorbereitet sein kann,
entschied er in wenigen Sekunden, sich anzubieten und die todbringende
Gewalt auf sich zu nehmen.
Als es einem Häftling gelang, zu fliehen, wählte man zehn
Gefangene aus, die hingerichtet werden sollten. Unter ihnen war
ein Familienvater, Fraciszek Gajowniczek, der verzweifelt nach seiner
Frau und seinen Kindern rief. Maximilian Kolbe trat aus der Reihe
und sprach zum Lagerkommandanten Fritsch: "Ich bin katholischer
polnischer Priester. Ich möchte an die Stelle dieses Mannes
treten, denn er hat Frau und Kinder." Der Wunsch wurde genehmigt
und Kolbe mit den neun anderen in den Hungerbunker gesperrt. Am
14. August 1941 bekam er die Todesspritze. [Vgl. "miteinander".
Zeitschrift des Canisiuswerkes, Mai/Juni 2001, 9]
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Am 16. Oktober 1995 wurde die Flüchtlingshelferin Maria Loley
aus Poysdorf im Weinviertel Opfer einer Briefbombe, mehrere Finger
mussten ihr abgenommen werden. Obwohl sie den "ungeheuren Hass,
der dahintersteht" gespürt hat, hat sie hat den Attentätern
vergeben. In einem Interview in der Kronen-Zeitung am 22. Oktober
1995 sagte sie auf die Frage "Warum haben Sie den Attentä-tern
verziehen?" - "Weil alles andere eine Weiterverbrei-tung
des Bösen wäre. Durch Ver-gebung breche ich diesen Kreislauf."
"Woher nehmen Sie die Kraft?" - "Von einer höheren
Macht. Und aus der Überzeugung, dass es einen Sinn hat zu vergeben,
zu hoffen." "Worauf?" - "Darauf, dass die Täter
in ihrem Innersten von dieser Macht berührt werden."
Das ist genau, wie Jesus es gemeint und gelebt hat.
6.
Zusammenfassung
1. Über weite Strecken ist Toleranz nicht Mühe und Anstrengung,
sondern entspringt der Freude und dem Interesse am andern. Der Intolerante
ist nicht offen für Neues, nicht aufmerksam auf das Leben anderer
Menschen. Nur wer anderes anerkennen und tolerieren kann, dem zeigt
sich ein Mensch so, wie er ist. Toleranz ist eine Basis für
das Ereignis von Beziehung und Kommunikation.
2.
Zuweilen aber ist das andere so fremd, einem so entgegen, dass Toleranz
anstrengend und fordernd wird. Man kann das Fremde bekämpfen
- bis hin zum Mord. Man kann ihm aus dem Wege gehen. Man kann sich
aber auch an die Goldene Regel des Neuen Testaments halten. In einem
Vortrag über Toleranz als christliche Lebenskunst darf sie
nicht vergessen, muss sie genannt werden. Sie ist gleichsam die
dauernd anwesende Mitte, um die sich diese Ausführungen drehen.
In der Bergpredigt, in Mt 7,12 [auch in Lk 6,31] finden wir sie
im Munde Jesu: "Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut
auch ihnen!" Diese Aufforderung wird von Jesus mit der damals
höchsten Wahrheits-Autorität versehen, der heute in etwa
eine päpstliche Unfehlbarkeitsdefinition entspricht: "Darin
besteht das Gesetz und die Propheten." Wer dieser lebenspraktisch
unüberbietbar effizienten, genialen Regel folgt, vermag - auch
zugunsten seiner selbst - ein hohes Maß an Toleranz zu verwirklichen.
Weil ich leichter und befreiter leben kann, wenn andere mich anerkennen
und meine Eigenheiten tolerieren, soll auch ich mich andern gegenüber
so verhalten, wie ich es für mich selber wünsche. Der
eigene Gewinn ist einkalkuliert, macht Toleranz noch einmal leicht.
Ich ge-winne, was ich gebe - nicht sofort und immer sogleich, aber
schließ-lich doch. Tolerieren und Toleriertwerden halten sich
die Waage.
3.
Wer gläubig ist, dem steht noch ein weiteres, gewichtiges Motiv
für tolerantes Verhalten zur Verfügung: die sogenannte
"eschatologische Dimension" des Glaubens. Im Bewusstsein
der Beschränktheit und Endlichkeit unserer irdischen Existenz
und in der Hoffnung auf die himmlische Heimat (Hebr 11,13ff) muss
nicht alle Übereinstimmung schon hier auf Erden gefunden und
erzwungen werden. Der lästige, widerliche Unterschied zwischen
uns kann leichter werden, weil die Versöhnung, die vollständig
gelingende Kommunikation erst Ereignis des Reiches Gottes sein wird.
Wenn ich nicht alles schon hier auf Erden ha-ben muss, das Glück
nicht aus meinem und der anderen Leben herauspressen muss, kann
ich leichter und etwas sorgloser unüberwindliche Differenzen
ertragen. Ohne dass hier Toleranz zu Schlampigkeit verkommt, wird
es möglich, jede Situation, die in Sackgassen mündet,
in eiferndes, zelotisches Gezänk, schon vorher mit Großmut
abzufangen. Wir brauchen nicht den völkisch reinen Staat, Flüchtlinge
und Asylanten sind willkommen. Wir brauchen nicht die allerbe-sten
Politiker, die heiligsten Bischöfe, die Übereinstimmung
in allen Fragen. Wir brauchen nicht die beste aller Welten. Der
immer wieder einmal in sich aufgerufene Glaube an die Vollendung
jenseits von Zeit und Geschichte kann in besonders beanspruchenden
Situationen ein starkes Motiv sein, das An-derssein anderer leichter
zu ertragen.
4.
Eine letzte, die radikale Jesus-Tat soll noch einmal genannt werden:
Was uns andere an Leid und Unrecht zufügen bei sich widerstandslos
und in der Hoffnung auf die Provokation der Liebe zu Ende zu bringen.
Manchmal vermögen wir dies: etwas auf sich sitzen zu lassen,
nicht mehr alles weiterzuverhandeln, auf eine Verleumdung nicht
zu reagieren, etwas in sich ausleiden zu lassen. Wer es fassen kann,
der fasse es - im Blick auf den Gekreuzigten, der in Getsemani noch
hätte flüchten können, der auf zwölf Legionen,
auf 72.000 militanter Engel Gottes verzichtete [Mt 26,53], um die
Sünde, die Gewalt und das Unrecht in seinem Schicksal zu Ende
zu bringen.
Das entspricht nicht der üblichen Logik der Welt, sondern greift
über die Gesetze der Humanität hinaus und realisiert den
christlichen Weg - und hier soll wenigstens einmal das Wort genannt
werden: verwirklicht den für ChristInnen nicht auszuschließenden
Weg des Martyriums, den Weg einer unbedingten Liebe. Das ist nicht
jedermanns Sache, in Ansätzen haben wir dies aber schon alle
verwirklicht.
7.
Fragen
Als Fragen bleiben für uns: Wie weit komme ich mit meinem
Verhalten? Wo endet meine Toleranz? Welcher Glaube motiviert mich?
Was kann ich ertragen? Und wo kann ich einfach nicht über mich
hinaus?
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Das
Fettgedruckte sind Basissätze, die zu einem Thesenpapier gestaltet
werden könnten. Die konkreten Beispiele können durch den
jeweiligen Referenten adaptiert bzw. durch eigene Geschichten ersetzt
werden, wobei auf dieselbe Aussageabsicht zu achten ist.
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