Referatsvorlage zum Thema "Toleranz" Katholischen Männerbewegung
     

 

 




 
    Wilhelm Achleitner
   


Toleranz eine christliche Tugend

Ich soll Ihnen etwas über Toleranz sagen. Das ist nicht leicht. Es sieht auf den ersten Blick nicht nach einem aufregenden Thema aus. Es schmeckt förmlich nach Anstrengung, nicht nach Genuss. Man denkt sogleich an erzwungene Selbstbeschränkungen und nicht an ein Verhalten, das möglicherweise auch Lust verspricht. Unbestritten ist jedenfalls, dass "Toleranz" den Umgang mit der Verschiedenheit der Menschen im Blick hat.

Es gibt eine Ausrichtung, die unser Thema rasch beendet: "Es kann nur immer einer recht haben - und das bin ich" oder "Wirkliches Verstehen gibt es nur zwischen Seinesgleichen" oder "Was anders ist an anderen, macht mir Unbehagen" oder "Ich fühle mich nur unter ÖsterreicherInnen wohl" oder "Das Fremde bedroht mich" oder auch "Kulturelle Vermischungen führen nur zu Spannungen" bis hin zur Aussage "Echtes Heimatgefühl gibt es nur in einem völkisch reinen Staat". Wer diesen und ähnlichen Sätzen zustimmt, hat den Wert toleranten Verhaltens noch nicht erkannt, den Genuss der Toleranz noch nicht verkostet.

Toleranz ist eine bestimmte Weise, ja eine Kunst, mit den Unterschieden zwischen uns Menschen anregend und lebensfördernd umzugehen.
Es gibt allerdings die nicht wenig verbreitete Einstellung, Toleranz sei etwas eher Schwächliches, ein konfliktscheues Zurückweichen vor dem eigenen Wahrheits- und Geltungsanspruch, eine zu weiche Tugend angesichts der beschleunigten Kultur mit ihren beruflichen und sonstigen Konkurrenzverhältnissen, in der eine neue Form konkurrenzlustiger, frecher "Männlichkeit" verlangt wird. Sie sei ein schlampiges, nachsichtiges Verhalten dem andern, dem Fremden gegenüber, ein Zeichen des Niedergangs einer Kultur: "Wer tolerant ist, hat schon verloren."
Wenn wir uns aber mit Toleranz positiv und nicht abwertend beschäftigen, dann ist es unvermeidlich, diese als Aufforderung zu verstehen: "Sei tolerant!" - und das mit guten Gründen. Toleranz soll wenigstens in dieser Stunde nicht als nachlässige, feige Beliebigkeit, vielmehr als ein wohlüberlegtes, erfolgsorientiertes, effizientes Verhalten und als ein zentraler Bestandteil einer modernen christlichen Lebenskunst betrachtet werden.
Es ist die Absicht meines Vortrags, Sie vom anfänglichen, ermüdenden Gefühl der Anstrengung und des Erduldens zur Freude am Unterschied zu führen und die Tugend [Tauglichkeit] der Toleranz geradezu als modernes Elixier für ein aufregendes Leben sichtbar zu machen.

Ein wichtiger Hintergrund der folgenden Ausführungen ist die Tatsache, dass wir schon lange nicht mehr in einer geschlossenen, v.a. bäuerlichen Umwelt mit den immer gleichen Menschen leben und arbeiten, vielmehr uns in einer hochmobilen privaten wie beruflichen Gesellschaft befinden, in der wir tagtäglich den unterschiedlichsten Menschen begegnen, früher getrennte Kulturen sich miteinander vermischen und die Globalisierung, eine weltweite Vernetzung, zunimmt.
Das Thema "Toleranz" benennt hochaktuelle Verhaltensweisen, um in den modernen Zeiten menschenwürdig leben zu können.

Was den Zugang zum Thema erschwert, ist die durch die Massenmedien erzeugte Fixierung auf den Konflikt, auf die unausgesetzte Bearbeitung der menschlichen, kulturellen und politischen Unterschiede als quotenträchtige Wunde. Der Streit ist lustbesetzt, nicht seine Lösung.
Wer in Zeitungen über Skandale berichtet, hat Leserinnen und Leser. Wer korrupte Unternehmer an-klagt, über Kindesmissbrauch, Mord und Totschlag schreibt, kann sich des Interesses sicher sein. Schreiduelle im Parlament, Anspielungen auf die "braune" Vergangenheit, antisemitische Ausfälle, der Streit von Bischöfen und Politikern, Scheidungen Prominenter, kriegsähnliche Zustände in fernen Ländern, die europäische Maul- und Klauenseuche oder die Finanzkrise einer oö. Fußballmannschaft beschäftigen die Leute. Der Konflikt ist allemal bewegender als seine Überwindung und das Gelingende findet wenig Beachtung.
Doch Toleranz hat damit zu tun, dass zwischen Menschen etwas gelingt.

Toleranz ist eine unspektakuläre Tugend. Wohl gibt es immer wieder Aufrufe zur Toleranz, in die Schlagzeilen gerät tolerantes Verhalten aber nicht. Toleranz steht nicht schroff und steil und alle Aufmerksamkeit auf sich ziehend in der kulturellen Landschaft, vielmehr ist sie ein "flaches" Verhalten, etwas, was sich nicht vordrängt. Konflikt, Streit und Krieg ragen sofort und weit in unsere Aufmerksamkeit hinein, erzeugen und bündeln starke Emotionen. Toleranz und friedfertiges Verhalten dagegen sind kaum sichtbar, erzeugen keinen Wirbel, entspannen sogleich und ebnen leicht hochspielbare Unterschiede zwischen den Menschen ein. Toleranz erregt nicht, sondern befriedet.
Mit Intoleranz gegenüber dem Fremden, dem nicht mit sich selbst Gleichen, z.B. gegenüber AusländerInnen oder jüdischen ÖsterreicherInnen, mit der Ausgrenzung von Minderheiten kann man die Medien beschäftigen, politische Aufmerksamkeit erregen oder bei Wahlen erfolgreich sein. Und dies, obwohl wir ohne Toleranz keinen einzigen Tag im Frieden miteinander leben könnten.
So wie wir atmen, der Tag vergeht und die Wolken ziehen, in derselben Gleichmäßigkeit ertra-gen und erdulden wir den anderen, lassen wir ihn gelten - wie es auch die Bedeutung des aus dem Lateinischen kommenden Wortes nahelegt: tolerare = ertragen, erdulden, aushalten. Damit ist schon einiges ausgesagt. Wie Sie im folgenden aber sehen können, werden wir diese Bestimmung von Toleranz deutlich ausweiten.

Obwohl tagtäglich von uns allen praktiziert - wenigstens unseren Ehepartnern und pubertierenden Kindern gegenüber, wirkt Toleranz nicht recht anziehend, eher als ein Zugeständnis, etwas, was wir uns abringen müssen - wie in einem Überschwemmungsgebiet, wo die Menschen den Gewalten der Natur immer wieder Land abringen, Gräben ziehen, Dämme aufschütten müssen.
Toleranz ist eine seelische Leistung, wozu wir von Natur und spontan nicht zu neigen scheinen. Wird im christlichen Kon-text von ihr gesprochen, wird sie rasch in die Liste der sittlichen Pflichten eingeordnet. Man spürt den moralischen Druck, diese ermüdende katholische Anständigkeit: ein Christ darf nicht egoistisch, rücksichtslos oder aggressiv sein, er soll alle lieben können. Früher nannte man dies u.a. auch: Duldsamkeit, Opferbereitschaft. So haben z.B. unzählige Generationen von Frauen ihre groben, trunk-süchtigen, triebhaften Männer ertragen. "Einer muss ja nachgeben" und das hieß: Die Frau hatte nachzugeben.

Wie kommt man aus einem eher negativen, langweiligen Verständnis und Empfinden von Toleranz heraus? Wie kann es aufregend, gar lustvoll werden, tolerant zu sein? Das ist auch eine Hauptfrage meines Vortrags.
Um Antworten zu finden, sollen fünf Stufen der Toleranz beschrieben werden.

1. Die freudige Lust am Unterschied
Normalerweise verbinden wir mit Toleranz etwas Mühevolles. Im Lexikon steht: "Toleranz ist Ertragen und Geltenlassen des anderen" oder "Toleranz ist die Duldung und unter Umständen auch Achtung gegenüber der Überzeugung und Lebensweise Andersdenkender". Auch in einer Lexikon-Definition steht also die Anstrengung im Vordergrund.

Nun gibt es aber Zusam-menhänge, in denen wir das Anderssein der anderen nicht erdulden und erleiden müssen, son-dern Lust und Freude darüber empfinden. Wir freuen uns am anderen, an seinen Eigenschaften, seinem Können. Wir freuen uns, daß wir nicht alle gleich sind.

· In der Planung von Männerbildungsveranstaltungen werden alle möglichen Vorschläge geäußert. Die Lebendigkeit des Austausches unterschiedlichster Interessen und Vorlieben erzeugt geradezu die lustvolle Stimmung, aus der schließlich die Einigung auf gemeinsame Vorhaben entspringt.

· Jeder von uns liebt seine Frau, seine Partnerin gerade auch, weil sie anders ist, weil sie Erfahrungen und Einstellungen in die gemeinsame Geschichte einbringt, die einem selber fehlen. Und umgekehrt ist man zuweilen überrascht, wenn man von seiner Frau für Eigenheiten oder Begabungen geliebt und geachtet wird, die man an sich selbst nicht besonders schätzt oder noch gar nicht richtig wahrgenommen hat.
Das Spannende in Beziehungen entsteht aus dem Unterschied. Das mag zwar in den ersten Jahren einer Beziehung immer wieder belastend sein, auf Dauer sind die Unterschiede aber ebenso wichtig wie die Ähnlichkeiten, sofern man allerdings reif genug geworden ist, sich an den Unterschieden zu erfreuen, ihre positive Energie zu verstehen.

· Besonders eindrucksvoll ist die Bedeutung des Unterschieds im Bereich der Sexualität. Will man nicht allein und bei sich bleiben, ist es die Verschiedenheit, die Anwesenheit einer anziehenden anderen Person, die die erotische Spannung er-zeugt. Und das Aufregende der Sexualität ist gerade das Körper und Seele erfassende Ereignis intensiven Beisammenseins zweier verschiedener Menschen.

Es gibt also die Freude am Unterschied. Der andere ist nicht der gefährliche, räuberische Konkurrent, sondern eine Quelle der Lust - und die Seele bekommt Flügel.
Wem die fundamentale Bedeutung der Differenz zwischen den Menschen als Ermöglichung eines beziehungsreichen, aufregenden Lebens nicht sogleich deutlich werden kann, dem sei folgendes Gedankenexperiment empfohlen: 1. Alle Menschen sind Männer. 2. Alle Männer sind katholisch. 3. Alle Männer auf Erden sind Mitglieder der KMB. 4. Alle katholischen KMB-Männer sind dem Papst, dem obersten Mann, vollständig gehorsam und untertänig. 5. Alle dem obersten Mann huldigenden KMB-Männer sehen gleich aus und verhalten sich gleich. 6. Jede Verschiedenheit ist verschwunden. 7. Das Leben erlischt.

2. Das lebendige Interesse am anderen
Bevor das geduldige Element an der Toleranz in den Vordergrund tritt, gibt es das weite Feld des aufmerksamen, anregenden Interesses am andern, an seinen Überzeugungen und Lebenswei-sen.

· In einer KMB-Abendveranstaltung spricht der geladene Referent zum Thema "Die politische Lage in Österreich". Sehr bald merke ich, dass er die politischen Verhältnisse ziemlich kritisch beurteilt. Ich werde unwillig, beschließe dann aber, den Einschätzungen des Referenten einmal möglichst vorbehaltlos zuzuhören. Ich gewinne zu meiner Überraschung einige Erkenntnisse, die meinen Horizont erweitern.

· In einer kleinen Gesprächsrunde beschäftigen wir uns mit der erst seit kurzem offener besprechbar gewordenen, auch kirchlich diskutierten "Homosexualität". Mir ist das alles eher unangenehm, weil ich seit jeher Homosexualität als widernatürlich und unsittlich zu beurteilen gelernt habe. Ein Teilnehmer outet sich überraschend als homosexuell und erzählt aus seinem Leben, von der bedrückenden Verschwiegenheit, von der Scham und den tiefen Selbstzweifeln. Angesichts der konkreten, durchaus sympathischen Person erwacht mein Mitgefühl und mein Interesse an einem anderen Männerleben.

· In meinem Betrieb komme ich aufgrund meiner freundlichen Art und meiner unverbindlich gemeinten Frage "Na, wie geht's?" unverhofft in einen lebendigen Kontakt mit einer muslimischen Putzfrau aus Bosnien. Sie erzählt mir von ihren Sorgen mit den Kindern, vom tagelangen Wegsein des Mannes als Transportfahrer, von den beengten Wohnverhältnissen im Zusammenleben mit den Schwiegereltern, den früheren vielfachen Versuchen, eine Beschäftigungsbewilligung zu erhalten und schließlich auch noch von der Flucht vor dem Krieg. Plötzlich nehme ich sie wahr - als einen Menschen wie du und ich - und bemerke, da ich außer "dobro" [=gut] kein Wort Serbokroatisch kann, wie gut sie eigentlich Deutsch spricht.

Eigentlich sind wir sehr neugierig auf andere Menschen. Wir haben an sich nicht geringes Interesse am Leben anderer. Und eigentlich möchten wir gerne wissen, wie Menschen aus anderen Völkern sind - übrigens ein nicht geringes Motiv für unsere Urlaube in ferneren Ländern. Wir suchen geradezu den Unterschied, weil durch ihn unser eigenes Leben in seiner Eigenart deutlicher wird. Nichts Bedrohliches kommt uns von den anderen entgegen, keine anstrengende Toleranz ist verlangt. Wir bemerken die Vielfalt. Und das andere Leben ist möglicherweise auch ein Reservoir für uns, bisher ungelebte Dimensionen erkennen zu können und nicht eingeschlossen zu bleiben im engen Geviert des bisherigen Lebens, der eigenen Kultur.

3. Das alltägliche Respektieren der anderen
Hier nun setzt das Fordernde des Toleranzprogramms ein. Die "Kunst der Toleranz" beginnt.
Der Unterschied wird spontan nicht mehr als anregend, interessant und bereichernd erfahren. Wir werden mit dem uns zunächst Unvertrauten konfrontiert. Der andere tritt uns mit Eigenheiten gegenüber, die nicht die unseren sind. Der Unterschied ist da. Aber sein Gewicht ist noch gering, ihn zu respektieren im Rahmen normaler, alltäglicher Möglichkeiten. Die Forderung der Toleranz entspricht unserer üblichen Bereitschaft zur Großzügigkeit und zum Kompromiss, für die wir zuweilen auch Anerkennung erfahren.

· Meine Frau kann abends noch lange aufsein, morgens dagegen fällt ihr das Aufstehen schwer. Bei mir ist es umgekehrt. In den ersten Ehejahren war das nicht selten ein Problem. In den Jahren der Ehe habe ich allmählich akzeptiert, dass dies ihr Rhythmus, ihre Veranlagung ist. Nur mehr selten dränge ich sie, früher zu Bett zu gehen.
In den ersten Ehejahren kam es immer wieder zum Konflikt, weil sie bei geöffnetem, ich aber bei geschlossenem Fenster schlafen wollte. Es gibt keine wissenschaftliche Theorie, die das eine oder andere für besser hält. Seit Jahren schlafen wir nun - außer im Winter - bei gekipptem Fenster.

· Ein Freund braucht keinen Gott und kein Leben nach dem Tod, um im Leben Sinn zu fin-den. Ein befriedigendes, möglichst lustvolles, wenn auch begrenztes Leben reicht ihm. Meine Versuche, ihm die Be-schränktheit seiner Perspektive zu zeigen, greifen nicht. Da scheint kein Gespür zu sein für die Weitung des Lebens durch einen Gott, wie ich es erlebe. Ich kann seine Einstellung zwar nicht wirklich nachvollziehen, will aber seine Überzeugung respektieren.
· Gehen fünf Menschen auf einen hohen Aussichtsturm, werden einige sich fürchten und schwindelig werden, andere Lust empfin-den. Sollen alle fünf dasselbe erleben? Wer Furcht hat, hat Furcht und niemand kann sie ihm ausreden. Und keiner wird den Furchtsamen hindern, den Aussichtsturm rasch wieder zu verlassen.

Es gibt also ein weites Feld unterschiedlicher Verhaltensweisen, dessen Respektierung zur Alltagsroutine gehört. Gerade in den wichtigsten Lebensbereichen - Familie und Beruf - kennen wir die mit uns lebenden und arbeitenden Menschen ziemlich gut. Und wissen daher auch meist sehr genau, was dem einen gefällt und der anderen zuwider ist. Wir wissen, wie jemand am Morgen behandelt werden will oder wer besonders viel Anerkennung braucht. Wir wissen auch, was uns an anderen stört und vielleicht auch, was anderen an uns lästig ist.
Weil wir im Frieden miteinander leben wollen, haben wir im Laufe der Jahre ein umfangreiches Repertoire an Verhaltensweisen erlernt, mit dem wir uns oft blitzschnell auf die jeweilige Person einstellen können. Wir versuchen, mit den Unterschieden produktiv zu leben, sie sind für uns selbstverständlicher Alltag, wir gestalten sie. Weil wir aber sehr vielfältige, nuancenreiche, nicht die immer selben Wesen sind, weil wir uns in unterschiedlichen Typen von Temperamenten ausdrücken, weil es die Tagesverfassung gibt und das Niederdruckwetter, ist unser Zusammenleben von vielfältigen, aber durchaus normalen Störungen und Konflikten durchzogen, die wir aushalten, austragen oder auch unterdrücken.
Den Menschen und auch der eigenen Konfliktscheu zuliebe verhält man sich entsprechend, meidet anstoßendes Verhalten, toleriert andere Praxis im Bewußtsein, daß auch wir Eigenheiten haben, die wir respektiert wissen wollen. Das gehört zur Normalität und ist mit ein Grund, warum wir am Abend immer so müde sind.

Noch ein Wort zur Konfliktscheu, ein kleines Plädoyer gegen den konfliktgierigen Gegenwartstrend, ein Plädoyer für Menschen, die Konflikte lieber vermeiden. Sie sind nicht die unangenehmsten Zeitgenossen. Es ist noch nicht ausgemacht, was gesünder ist: die rasche Reaktion auf Spannungen, das Besprechen und Austragen aller Unterschiede, das Nachtragen von Verletzungen - oder das Schweigen, das Seinlassen, das Hinunterschlucken kleiner Mengen von Ärger und schließlich das Vergessen, eine der besonders eindrucksvollen, friedenserhaltenden Begabungen des Menschen.

4. Das mühevolle Ertragen des Unterschieds
Eine zentrale Bedeutung von Toleranz, ihre besonders fordernde Dimension ist erreicht. Eine besondere Eigenheit eines anderen ist zu ertragen oder eine eigentümliche Person als ganze auszuhalten. Zu erdulden ist, was einem zuwider, gegen die eigenen Gefühle und Überzeugungen, gegen die eigene Natur ist.

· In einer Ehe ist ein Teil aufgrund seiner Erziehung, seines Naturells außerordentlich stark an Ordnung in-ter-essiert, Unordnung ruft sofort Ärger - "Wie schaut es denn hier aus!" und aufräumenden Bewegungsdrang hervor. Der Ehe-part-ner dagegen nimmt Unordnung kaum wahr, ja fühlt sich erst wohl, wenn einiges her-umliegt. Wie wird man sich einigen, wer wird wen tolerieren? Kann der Ordnungsliebende einige Unordnung aushalten? Kann der Unordentliche seine Chaosempfindungsgrenze senken?

· Berufliche Zusammenarbeit, zwei Menschen z.B. in einem gemeinsamen Büro. Zwei Lebenswelten treffen aufeinander. Des einen Naturells ist es, anstehende Arbeiten sofort zu erledigen, auch wenn es die Termine noch nicht verlangen. Der andere lässt erst einmal alles liegen, braucht den Termindruck, um effizient arbeiten zu können. Beides hat seine Vorteile. Nun gibt es aber Aufgaben, die beide betreffen, die nur gemeinsam gelöst werden können. Der Langsamere wird vom Raschen bedrängt, gegen seine Natur etwas mit ihm zusammen auf der Stelle zu besprechen, zu entscheiden oder zu bearbeiten. Verzögerung macht ihn ärgerlich. Was nun? Kann jeder dem anderen ein wenig entgegenkommen, kann jeder der beiden die Vorteile des anderen Verhaltens erkennen? Selbst dann bleibt der Unterschied vorhanden, ist eine latente Quelle von Unfrieden, an der die fordernde Mühsal der Toleranz geübt werden kann.

· Hierher gehört auch der weite, konfliktreiche Bereich des Verhältnisses der Generationen, von Alt und Jung. Die Jungen haben andere Lebensgewohnheiten, stehen später auf, geben ungehemmter Geld aus, leben offensichtlich nach einer anderen Sexual- und Beziehungsmoral, finden weniger oft oder gar nicht mehr in den Sonntagsgottesdienst. Die Älteren dagegen haben jahrzehntelang geübte Gewohnheiten, die sie kaum mehr ändern wollen.
Überall und rasch lassen sich Unterschiede finden. Und nicht selten zählt die überaus friedlose Beziehung zwischen Alt und Jung zu den größten Belastungen eines Lebens - bis hin zum Ausbruch körperlicher Gewalt.
Wie halten sich die Generationen gegenseitig aus? Wie schaffen sie es, sich nicht im Gegensatz, im Streit zu fixieren, sondern im Gespräch zu bleiben oder sogar zu gegenseitiger Anerkennung zu finden?

Ein besonderer Bereich der anspruchsvollen Toleranzforderung ist der Umgang mit AusländerInnen. Die durch Internet, Verkehr und Wirtschaft hochmobile, globalisierte Kultur, die anstehende EU-Ost-Erweiterung, die Flüchtlingsbewegungen aus Krisenzonen werden uns alle noch viel mehr als bisher vor große Herausforderungen und in neue Lernsituationen bringen. Ein Zurück in eine Welt voneinander abgegrenzter Sprach- und Volksgruppen gibt es nicht mehr. Defensives Verhalten mag kurzfristig beruhigen, ist aber kein Weg in die Zukunft. Die nächste Zukunft wird ohne Zweifel die multikulturelle Gesellschaft sein [so auch der Zukunftsforscher Matthias Horx, in: ORF-Betrifft, 22.4.2001]. Je früher wir uns darauf positiv einstellen, um so besser.
Die vereinzelten Konflikte um ein Gebetshaus oder eine Moschee für muslimische MitbürgerInnen sind nur der Anfang. Was unangenehm beginnt, kann aber auch zu einer erfolgreichen Lerngeschichte werden und zu einer bereicherten Kultur führen.
Noch aber ist es nicht so weit. Wir sind die erste Generation, die seit Anfang der 70iger Jahre mit einer größeren Anzahl ausländischer "Gastarbeiter" konfrontiert war. Eine Kultur lernt aber in größeren Zeiträumen, braucht mindestens die Zeit von zwei Generationen.

· Jemand fühlt sich z.B. schon unangenehm berührt, wenn ein Nicht-Österreicher in der Nähe auftaucht oder bloß vorübergeht. Wie soll man dieses eigenartige Empfinden erklären?
Das "Fremdeln" als sinnvolle, notwendige Episode in der Entwicklung von Kleinkindern, in der sich das Ich von den andern zu unterscheiden lernt, hat aus nicht mehr rekonstruierbaren Gründen keinen Abschluss in einer einigermaßen selbstsicheren Identität gefunden. Die "Ich-Stärke" bleibt unterentwickelt - und so fühlt sich jemand rasch vom Fremden bedroht. Je dunkler die Hautfarbe, um so größer das Befremden. Das "Fremdeln" setzt sich fort und wächst sich im Erwachsenenalter zur Fremden- und AusländerInnenfeindlichkeit aus. "Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?", einst ein lustiges Kinderspiel, wird zum verbitterten, bis in die Gesetzgebung hinein wirksamen Verhaltensprogramm Erwachsener. Politische Gruppierungen, vom selben Unsicherheitsproblem betroffen, nähren die Ängste und gewinnen damit Zulauf.

· Was tun, wenn es jemand z.B. sehr schwer erträgt, mit ausländischen MitarbeiterInnen zusammenzuarbeiten und wiederholte Toleranzforderungen wirkungslos bleiben? . Man kann versuchen, die Diensteinteilung so zu gestalten, dass jener Person die Zu-sammenarbeit mit einem Ausländer, einer Ausländerin erspart wird. Das ist nicht lustig. Das ist nicht wirklich befriedigend. Aber wenigstens ist es möglich, eine scheinbar unüberwindbare Intoleranz durch Regelungen zu tolerie-ren.
Besser wäre es, der fremdelden Person eine Erfahrungsgeschichte mit AusländerInnen zuzumuten, sie zu bitten, es eine Zeit lang zu versuchen, so dass im direkten Kontakt von Mensch zu Mensch Verständnis und Vertrauen, vielleicht sogar Zuneigung entstehen könnten.
Wenig bekannt ist, dass es Betriebe oder Zusammenschlüsse von Handelsfirmen gibt [z.B. Shopping-City-Süd, Wien], in denen das Verkaufspersonal für den Umgang mit ausländischen Kunden geschult wird, um Geringschätzung und Beleidigung zu verhindern. Es gibt auch Firmen, in denen ausländerInnenfeindliches Verhalten mit Kündigung bedroht ist.

Zweifellos gibt es viele Situationen, in denen uns Menschen und ihr Verhalten auf die Ner-ven gehen, in denen uns ein Fremder gegenübertritt. Die Lust am Unterschied ist ins Gegenteil verkehrt. Der andere lastet mit seiner Person, mit bestimmten Eigenheiten auf uns und verdunkelt unser Leben - oder macht uns mit seiner Hautfarbe Angst.
Es gibt die gedankenlosen, defensiven Möglichkeiten, damit umzugehen. Man kann sich aus dem Wege gehen, ein Volksbegehren für "Österreich zuerst" unterschreiben, den anderen - meist ohne Erfolg - verändern wollen oder ihn stumm leidend ertragen. Man kann bitter und zynisch werden, politisch nach rechts rücken, sich vom Leben ungerecht behandelt fühlen und sich vergeblich eine andere Gesellschaft wünschen.
Wie man ein Fußballspiel nicht defensiv, sondern nur durch Offensive gewinnen kann [was Ivica Osim, Heribert Weber und alle Trainer der Welt ihren Spielern unentwegt erklären], so bestehen auch wir die Herausforderungen des Lebens nur und leichter mit positiver, offensiver Einstellung.
Produktiver als die verkrümmende Angst vor dem Neuen und Fremden ist eine wache, neugierige Lernbereitschaft. Lernen, sich neuen Horizonten öffnen, Leben als ständige Herausforderung sehen - bringt auch ein reicheres, bewegteres Leben hervor. Vielleicht hilft dazu die wiederholte Meditation von vier entscheidenden, friedenssichernden Sätzen: 1. Niemand verantwortet seine konkrete Herkunft, seine Hautfarbe und Volkszugehörigkeit, seine grundlegenden Charaktereigenschaften selber - sie sind dem einzelnen für sein Leben vorgegeben. 2. Jedes Menschenwesen will glücklich und in seiner Eigenart anerkannt sein. 3. Jeder liebt und beschützt seine Kinder und will für sie ein gutes, von den anderen gewürdigtes Leben. 4. Wir sind nur vorübergehend auf Erden. Wir alle werden sterben.
Angesichts der begrenzten Lebenszeit soll daher jeder und jede seine und ihre ureigene Lebensart leben können dürfen, soweit es die Menschenrechte nicht verletzt.

Dabei ist noch ein weiterer Punkt zu bedenken:
Jeder von uns hat auch Verhaltensweisen, mit denen man selber nicht zufrieden ist, die man gerne änderte, wenn man es könnte, wenn man den Willen dazu aufbrächte.
Einer leidet z.B. darunter, in Gruppen von Menschen immer dominieren zu müssen ["Platzhirsch-Syndrom"]. Und er hat es oft und wiederholt erlebt, dass er sich nach solchen Auftritten schämt und verabscheut. Aber allen Bemühungen um sittliche Vervollkommnung zum Trotz vermag er sich in diesem Punkt nicht zu ver-ändern. Was also tun? Er willigt ein, sich selbst mit diesem Verhalten zu er-tragen, sich den anderen zuzumuten und den damit verbundenen Liebesverlust zu erleiden.
Das ist auch eine besondere Pointe unseres Themas: Wir alle haben Eigenschaften, die wir an uns selber zu tolerieren, zu ertragen haben. Wir sind mit uns selber uneins. Wir sind nicht so, wie wir gerne sein wollen. Und ob man mit den Jahren mit sich versöhnter und einverstandener wird, ist bislang ungewiss.


Die normalen, üblichen Weisen, mit dem Unterschied, dem Anderssein der anderen produktiv umzugehen, sind damit benannt. Nicht besprochen wurden Situationen, in denen Toleranz nicht gelingt oder nicht sinnvoll ist. Was geschieht, wenn die Zumutung der Toleranz nicht ergriffen wird? Doch das ist ein anderes, zweifellos gewichtiges Thema. Es könnte unter der Überschrift "Konflikt und Konfliktlösung" behandelt werden. Und dann gibt es viele familiäre und berufliche Situationen, die nicht nach Toleranz, sondern nach Abgrenzung und Neinsagen verlangen, z.B. in der Kindererziehung oder im Umgang mit seiner Arbeitszeit. Doch auch dies gehört zu anderen Überlegungen.
Mit diesen Hinweisen auf Fragestellungen, die mit unserem Thema zusammenhängen, könnte ich nun schließen.
Es gibt aber noch einen weiteren, fünften Punkt.

5. Das bedrückende Erleiden aggressiver Differenz
Neben den skizzierten Beispielen, in denen die bisher genannten vier Arten von Toleranz möglich sind, gibt es nun aber noch Ereignisse, in denen wir bedrückendem, aggressivem, kurzfristig unveränderbarem Verhalten anderer begegnen, in denen uns das Fremde in einer verachtenden, gewalttätigen Form schroff entgegentritt, Ereignisse, für die die bisher genannten Strategien der Toleranz nicht ausreichen. Soll hier - womöglich gegen das eigene Gewissen - Einsatz physischer Energie, Gegengewalt, an die Stelle der Toleranz treten? Ist in diesen Situationen das Toleranzprogramm am Ende? Und sind hier für Unterlegene und Ohnmächtige noch Wege über das stumpfe Erleiden, die Verzweiflung oder den Zynismus hinaus denkbar?

Jesus von Nazareth benennt diesen steilen, schier übermenschlichen Weg. In der Bergpredigt in Mt 5,38ff [vgl. Lk 6,29] finden sich die Sätze: "Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist, Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht brin-gen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann laß ihm auch den Mantel." In ihrer radikalen Wucht wahrscheinlich authentische Aussagen Jesu, mindestens aber Sätze, mit denen der Evangelist das Unerhörte der Botschaft und der Praxis des Mannes aus Nazareth in entsprechende Worte fassen wollte.
Über diese Stelle im Neuen Testament wird kaum gepredigt, ihre Auslegung in heutige Bedeutung hinein wenig versucht.
So viel wenigstens für jetzt: Diese Aussagen sind keine Anleitung zum Opfersein, wollen nicht Resignation oder Masochismus propagieren, sondern formulieren eine Einladung zu einem ungewöhnlichen Verhalten, das die übliche Logik der Welt, die Dynamik der vertrauten Reaktionen durchbricht. Solches Verhalten, eine Konkretion der jesuanischen Aufforderung zur Feindesliebe [Mt 5,43ff, Lk 6,27ff], beendet die Gewalt und verhindert die Spirale der Gewalttätigkeit, weil auf Gegengewalt vollständig verzichtet wird, ja mehr noch und das ist die eigentliche, erst nach einiger Meditation erkennbare Pointe: weil hier der Angriff nicht bloß stumm oder feig ertragen wird, sondern im Gegenteil dem Gewalttätigen sogar noch etwas angeboten wird. Aber wiederum nicht aus Opfersinn oder Feigheit, sondern mit einer wohl kalkulierten Absicht: Das Angebot der zweiten Wange und des Mantels will den Zusammenbruch der Aggression erreichen. Der Gewalttätige wird beschämt, in seiner Aggression gehemmt und möglicherweise zur Reue provoziert. Wird er denn dann wirklich auch auf die zweite Wange schlagen, wird er dann tatsächlich nicht nur das Hemd, sondern auch noch den Mantel mitnehmen? Ist es nicht wahrscheinlicher, dass er sich - da ihm unerwartet eine freie und entblößte Gewaltlosigkeit begegnet - nach dem ersten Schlag zurückzieht und auch das Hemd nicht mehr beanspruchen will?
Diese nicht mehr steigerbare "Raffinesse der Liebe" [Liebe ist nicht bloß das Süße, Cremige, sie ist auch hart und provokant und geht über die Grenze des Erträglichen hinaus], die Anweisung zum Gewaltverzicht und zur Provokation von Reue und Versöhnung zählt zur Mitte des Evangeliums, ist vielleicht sogar sein Zentrum und zeigt, warum die Christen mit Recht an die Unüberbietbarkeit der jesuanischen Botschaft glauben. Denn die Gewalt in allen ihren verbalen und körperlichen Formen ist das, was unser Leben am meisten belastet. Erst wer die Gewalt zu beenden weiß, befreit uns zu einem menschenwürdigen Leben.
Aber noch einmal: Niemals propagiert Jesus bloß stille Ergebenheit, dumme Duldung oder schwächliches Nachgeben. Jesu entschiedenes Motiv ist es, im Vertrauen auf Gott die positive Kraft und überraschende Wirkung der Gewaltlosigkeit hervorzurufen, um immer und in allen Lagen den Menschen zum Lieben zu bewegen.

Diese radikalste Form von Toleranz zielt auf die "Torheit" des Kreuzes selbst. Von Anfang an verzichtet Jesus auf gewaltbereiten Widerstand, läßt sich in der Hoffnung auf eine Gewalt überwindende Liebe verspotten und lästern. Der Gewaltverzicht wird ihm das Leben kosten.
Aber man muß genau zusehen, die Grenze zum Falschen ist dünn. Es geht in der Nähe zu Jesus nicht darum, schlimme, aber veränderbare Situationen passiv und duldend zu ertragen. Eine Frau muss nicht in einer Ehe blei-ben, in der sie immer wieder geschlagen wird. Man muss nicht mit Kindern oder Schwiegereltern zusammenleben, wenn man immer wieder zurückgewiesen oder gedemütigt wird. Man muss berufliches Mobbing nicht stumm ertragen.
Und schon gar nicht sind diese Jesu-Sätze für Situationen gemeint, in denen wir Gewalt, die andern geschieht, erleben. Sie betäuben nicht unser Engagement für andere. Toleranz für Unrecht an andern gibt es nicht. Hier ist einzuschreiten, dazwischenzugehen, Zivilcourage gefordert. Aber das ist ein anderes Thema, denn die Forderung nach Toleranz zielt zunächst immer auf Ereignisse, in denen uns selber etwas geschieht.
Es gibt aber Situationen und jeder von Ihnen kennt sie, in denen man an sich selbst erlittenes Unrecht nicht mit Zorn, Gegengewalt oder Flucht abwehrt, sondern bei sich zu Ende kommen lässt.

· Ein Mann, in seiner Kindheit - wie viele andere auch - von seinem Vater geschlagen, will dies seinen Kindern nicht antun. Er spürt es noch heute, wie der gewalttätige Angriff auf seinen jungen Körper sich ausgewirkt hat. Er setzt dieses Verhalten nicht fort und bringt die sündige Tradition des Schlagens von Kindern bei sich zu einem Ende.
Es heißt, wer als Kind geschlagen wurde, schlägt auch seine Kinder. Aber man kann daraus aussteigen, die Neigung zur Wiederholung des Erlittenen an anderen, die "Erbsünde", bei sich zu Ende bringen.

· Franz Jägerstätter stieg aus der Spirale der militäri-schen, nationalsozialistischen Gewalt aus, verweigerte den Dienst mit der Waffe und nahm die tödlichen Folgen auf sich. Wenigstens ihn ihm ist die kriegerische Gewalt an ein Ende gekommen. Mit dieser Entschiedenheit, motiviert aus dem Glauben, ist er - mit oder ohne Seligsprechung - in die Geschichte der Christenheit eingegangen.

· Maximilian Kolbe. Im Terror des Nazi-Regimes nahm er 1941 in Auschwitz als 47-Jähriger den Tod auf sich, um einen Familienvater zu retten. In einer Situation, auf die niemand vorbereitet sein kann, entschied er in wenigen Sekunden, sich anzubieten und die todbringende Gewalt auf sich zu nehmen.
Als es einem Häftling gelang, zu fliehen, wählte man zehn Gefangene aus, die hingerichtet werden sollten. Unter ihnen war ein Familienvater, Fraciszek Gajowniczek, der verzweifelt nach seiner Frau und seinen Kindern rief. Maximilian Kolbe trat aus der Reihe und sprach zum Lagerkommandanten Fritsch: "Ich bin katholischer polnischer Priester. Ich möchte an die Stelle dieses Mannes treten, denn er hat Frau und Kinder." Der Wunsch wurde genehmigt und Kolbe mit den neun anderen in den Hungerbunker gesperrt. Am 14. August 1941 bekam er die Todesspritze. [Vgl. "miteinander". Zeitschrift des Canisiuswerkes, Mai/Juni 2001, 9]

· Am 16. Oktober 1995 wurde die Flüchtlingshelferin Maria Loley aus Poysdorf im Weinviertel Opfer einer Briefbombe, mehrere Finger mussten ihr abgenommen werden. Obwohl sie den "ungeheuren Hass, der dahintersteht" gespürt hat, hat sie hat den Attentätern vergeben. In einem Interview in der Kronen-Zeitung am 22. Oktober 1995 sagte sie auf die Frage "Warum haben Sie den Attentä-tern verziehen?" - "Weil alles andere eine Weiterverbrei-tung des Bösen wäre. Durch Ver-gebung breche ich diesen Kreislauf." "Woher nehmen Sie die Kraft?" - "Von einer höheren Macht. Und aus der Überzeugung, dass es einen Sinn hat zu vergeben, zu hoffen." "Worauf?" - "Darauf, dass die Täter in ihrem Innersten von dieser Macht berührt werden."
Das ist genau, wie Jesus es gemeint und gelebt hat.

6. Zusammenfassung
1. Über weite Strecken ist Toleranz nicht Mühe und Anstrengung, sondern entspringt der Freude und dem Interesse am andern. Der Intolerante ist nicht offen für Neues, nicht aufmerksam auf das Leben anderer Menschen. Nur wer anderes anerkennen und tolerieren kann, dem zeigt sich ein Mensch so, wie er ist. Toleranz ist eine Basis für das Ereignis von Beziehung und Kommunikation.

2. Zuweilen aber ist das andere so fremd, einem so entgegen, dass Toleranz anstrengend und fordernd wird. Man kann das Fremde bekämpfen - bis hin zum Mord. Man kann ihm aus dem Wege gehen. Man kann sich aber auch an die Goldene Regel des Neuen Testaments halten. In einem Vortrag über Toleranz als christliche Lebenskunst darf sie nicht vergessen, muss sie genannt werden. Sie ist gleichsam die dauernd anwesende Mitte, um die sich diese Ausführungen drehen. In der Bergpredigt, in Mt 7,12 [auch in Lk 6,31] finden wir sie im Munde Jesu: "Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen!" Diese Aufforderung wird von Jesus mit der damals höchsten Wahrheits-Autorität versehen, der heute in etwa eine päpstliche Unfehlbarkeitsdefinition entspricht: "Darin besteht das Gesetz und die Propheten." Wer dieser lebenspraktisch unüberbietbar effizienten, genialen Regel folgt, vermag - auch zugunsten seiner selbst - ein hohes Maß an Toleranz zu verwirklichen. Weil ich leichter und befreiter leben kann, wenn andere mich anerkennen und meine Eigenheiten tolerieren, soll auch ich mich andern gegenüber so verhalten, wie ich es für mich selber wünsche. Der eigene Gewinn ist einkalkuliert, macht Toleranz noch einmal leicht. Ich ge-winne, was ich gebe - nicht sofort und immer sogleich, aber schließ-lich doch. Tolerieren und Toleriertwerden halten sich die Waage.

3. Wer gläubig ist, dem steht noch ein weiteres, gewichtiges Motiv für tolerantes Verhalten zur Verfügung: die sogenannte "eschatologische Dimension" des Glaubens. Im Bewusstsein der Beschränktheit und Endlichkeit unserer irdischen Existenz und in der Hoffnung auf die himmlische Heimat (Hebr 11,13ff) muss nicht alle Übereinstimmung schon hier auf Erden gefunden und erzwungen werden. Der lästige, widerliche Unterschied zwischen uns kann leichter werden, weil die Versöhnung, die vollständig gelingende Kommunikation erst Ereignis des Reiches Gottes sein wird. Wenn ich nicht alles schon hier auf Erden ha-ben muss, das Glück nicht aus meinem und der anderen Leben herauspressen muss, kann ich leichter und etwas sorgloser unüberwindliche Differenzen ertragen. Ohne dass hier Toleranz zu Schlampigkeit verkommt, wird es möglich, jede Situation, die in Sackgassen mündet, in eiferndes, zelotisches Gezänk, schon vorher mit Großmut abzufangen. Wir brauchen nicht den völkisch reinen Staat, Flüchtlinge und Asylanten sind willkommen. Wir brauchen nicht die allerbe-sten Politiker, die heiligsten Bischöfe, die Übereinstimmung in allen Fragen. Wir brauchen nicht die beste aller Welten. Der immer wieder einmal in sich aufgerufene Glaube an die Vollendung jenseits von Zeit und Geschichte kann in besonders beanspruchenden Situationen ein starkes Motiv sein, das An-derssein anderer leichter zu ertragen.

4. Eine letzte, die radikale Jesus-Tat soll noch einmal genannt werden: Was uns andere an Leid und Unrecht zufügen bei sich widerstandslos und in der Hoffnung auf die Provokation der Liebe zu Ende zu bringen. Manchmal vermögen wir dies: etwas auf sich sitzen zu lassen, nicht mehr alles weiterzuverhandeln, auf eine Verleumdung nicht zu reagieren, etwas in sich ausleiden zu lassen. Wer es fassen kann, der fasse es - im Blick auf den Gekreuzigten, der in Getsemani noch hätte flüchten können, der auf zwölf Legionen, auf 72.000 militanter Engel Gottes verzichtete [Mt 26,53], um die Sünde, die Gewalt und das Unrecht in seinem Schicksal zu Ende zu bringen.
Das entspricht nicht der üblichen Logik der Welt, sondern greift über die Gesetze der Humanität hinaus und realisiert den christlichen Weg - und hier soll wenigstens einmal das Wort genannt werden: verwirklicht den für ChristInnen nicht auszuschließenden Weg des Martyriums, den Weg einer unbedingten Liebe. Das ist nicht jedermanns Sache, in Ansätzen haben wir dies aber schon alle verwirklicht.

7. Fragen
Als Fragen bleiben für uns: Wie weit komme ich mit meinem Verhalten? Wo endet meine Toleranz? Welcher Glaube motiviert mich? Was kann ich ertragen? Und wo kann ich einfach nicht über mich hinaus?

 

 
 
 
 

 

Das Fettgedruckte sind Basissätze, die zu einem Thesenpapier gestaltet werden könnten. Die konkreten Beispiele können durch den jeweiligen Referenten adaptiert bzw. durch eigene Geschichten ersetzt werden, wobei auf dieselbe Aussageabsicht zu achten ist.

 


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    Die KMB ist eine Gliederung der Kath. Aktion der Diözese St. Pölten
verantwortlich für den Inhalt: Josef Muhr