Toleranz -
eine christliche Tugend
Einleitung:
Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.
Der
Vater und die beiden Söhne
Ein Mann hatte zwei Söhne. Der Jüngere war weit herumgekommen
und hatte die Ängste und Hoffnungen der Menschen kennengelernt.
In einer neuen Sprache erzählte er von seinen Erfahrungen und
schrieb sie auf. Viele lasen und hörten ihn gern. Überall
sprach er davon, sein Vaterhaus müsse dringend renoviert werden,
damit er bewohnbar bleibe. Er begann, die verstaubten Bilder wieder
zum Leuchten zu bringen, fließendes Wasser zu installieren
und neue Fenster und Türen einzubauen. Zu einer "angstfreien
Zone" wollte er das Haus machen. Hilfesuchende und unglückliche
Menschen sollten hier eine neue Heimat finden.
Sein großer Bruder beobachtete argwöhnisch jeden seiner
Schritte. Er war stolz auf die lange Tradition seines Vaterhauses.
Die neue Sprache seines Bruder verstand er nicht, und er hatte Angst,
die Renovationen würden das Haus zerstören. Immer häufiger
hielt er seinem Bruder die alte Hausordnung unter die Nase, und
immer heftiger stritten sie darüber, wie diese Hausordnung
zu verstehen sei. Eines Tages setzte der ältere seinen jüngeren
Bruder vor die Tür.
Der Vater, der sich bis dahin zurückgehalten hatte, war sehr
traurig über seine beiden Söhne. Sie wollen doch beide,
dass sich die Menschen in unserem Haus wohlfühlen, dachte er.
Warum können sie nicht mehr miteinander reden?
Und er ging zu seinem jüngeren Sohn und sagte: "Ich verstehe
deine Enttäuschung und Verbitterung. Aber erinnerst du dich
an den Satz, den ich dir immer wieder ans Herz gelegt habe: Was
ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen? Wenn du willst, dass
dein Bruder dich und dein Anliegen versteht, dann musst auch du
dich in ihn hineinversetzen. Wenn du erwartest, dass er den ersten
Schritt tut, dann musst auch du dazu bereit sein."
Darauf ging er zu seinem älteren Sohn und sagte: "Ich
verstehe deine Angst und deine Sorge um unser Haus. Aber erinnerst
du dich an die Geschichte vom Unkraut und vom Weizen, die ich dir
schon oft erzählt habe? Wenn du nicht die Geduld hast, beides
wachsen zu lassen bis zur Ernte, dann reißt du mit dem Unkraut
auch den Weizen aus. Wenn du einige unfertige Gedanken deines Bruders
ausmerzen willst, dann wirst du auch das Gute, das er für uns
tut, zerstören."
(vgl. Mt 13/24-30)
Der
Begriff der Toleranz im modernen Sinn taucht erst im 16. Jh. Auf;
der Suche nach geht er weit zurück. Im AT und NT aktualisiert
sich das Toleranzproblem vor allem im Verhältnis zu anderen
Religionen und gegenüber Fremden. Gegenüber Fremden, die
als Feinde galten, gab es trotz allem eine Tolerierung, denn Gott
liebt den Fremden (Dt 10,18). Alle Menschen sind Geschöpfe
Gottes und tragen sein Gesetz in sich; Brüderlichkeit, Frieden,
Gastfreundschaft sind zentrale Tugenden. - Im Mittelalter dominierte
die Einheit von Reich und Kirche, ein Nährboden für das
Entstehen totalitärer und intoleranter Verhältnisse. Der
christliche Absolutheitsanspruch hat oft in der Geschichte zu Intoleranz
geführt (Inquisition). Vgl. das landesstaatliche Prinzip: "Cuius
regio, eius religio" sowie die Religionskriege. - In der Neuzeit
prägt der Liberalismus, mit der Trennung von Kirche und Staat
und der Anerkennung der Freiheit des Individuums weitgehend die
Gesellschaft. Der Toleranzbegriff ist davon nicht unbeeinflusst.
Der
Wahrheitsfrage gegenüber darf der Mensch nicht gleichgültig
sein. Am wenigsten kann das die Kirche sein, die von Christus
zur Hüterin und Lehrerin der Wahrheit bestellt wurde. (2. Vatic.)
Sie hat den Irrtum mit Mitteln des Geistes zu bekämpfen und
gemäss dem Gebot der Nächstenliebe alle Mühe aufzuwenden
um dem Irrenden zu helfen.
(Unter Achtung der Würde des Menschen und ohne jedwede Gewalt!)
Verpflichtung
zur Toleranz
Sie ergibt sich vor allem aus der Langmut Gottes, "denn er
lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten,
und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte."
(Mt 5/45)
Um seiner Berufung gemäß zu leben wird der Christ die
anderen in "Liebe, Demut. Milde und Geduld ertragen" (Eph
4/2). So wird die Liebe deutlich (1 Kor 13/4), das Lebensprinzip
des "neuen" erlösten Menschen.
"Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen.
Darum bekleidet Euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut,
Milde, Geduld! Ertragt Euch gegenseitig und vergebt einander, wenn
einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr Euch vergeben
hat, so vergebt auch ihr! Vor allem aber liebt einander, denn die
Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht."
Kol 3/12-14
Praktische
Überlegungen:
· Kann ich die Meinung anderer gelten lassen? In der Familie,
im Betrieb, in der Kirche, in der Politik ...
· Ist mir die Wahrheit etwas wert oder halte ich um des lieben
Friedens willen (eines faulen Friedens) immer den Mund?
· Engagiere ich mich für die Wahrheit des Evangeliums
oder opfere ich den Glauben einem Liberalismus unter dem Deckmantel
der Toleranz?
· Was tue ich (oder wir) gegen die INTOLERANZ mancher Gruppen?
Abschluss:
KMB-Gebet
Allmächtiger Gott und gütiger Vater,
Du hast mich als Mann in diese Welt gestellt,
die Du erschaffen hast du die ich in Deinem Auftrag gestalten soll.
Gib mir den Mut und die Kraft dazu.
Gib mir einen festen und beständigen Glauben.
Lass mich nie vergessen, dass Dein Gebot das Gebot der Liebe ist.
Hilf mir an jedem Tag, Dir in allem zu dienen durch meine Arbeit,
durch meine Sorgen um die mir Anvertrauten.
So darf ich beitragen zum Wohl meines Nächsten und zum Aufbau
Deines Reiches in dieser Welt.
Dies bitte ich Dich durch Christus, unseren Herrn.
Amen.
(Diese
Aktivistenrunde wurde vom Geistl. Assistenten der KMB, Pfr. KR Johann
Punz , 02757/2251, gestaltet)
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Wo
mehrere Menschen zusammenleben, ist es unvermeidlich, dass sie in
manchen Dingen verschiedene Auffassungen haben. Wenn jeder nur seine
Meinung gelten lassen wollte, würde das Zusammenleben unerträglich.
Soll die Gemeinschaft bestehen und gedeihen können ist Toleranz
das heißt Duldsamkeit (lat. Tolerare = dulden), in gewissem
Ausmaß notwendig.
Auf
diese
Weise wird der Christ ein wahres Kind des langmütigen Gottes
sein, der liebt, verzeiht und retten will wie Jesus bei Mt 11/29
sagt: "Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir!"
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