Neutral, aber nicht gesinnungslos
Neutralität oder NATO? Der furchtbare Krieg im Kosovo hat den
internationalen Status Österreichs wieder zur Diskussion gestellt.
Ist die Neutralität nicht längst überholt? Die Meinungen gehen auseinander.
- Hans Ströbitzer -
Kanzler Klima möchte die Neutralität bekanntlich fünf Jahre außer
Streit stellen. Nun, in einer Demokratie kann man nur für sich selbst
ein „Redeverbot“ verhängen. Die EU-Spitzenkandidatin der ÖVP, Dr.
Ursula Stenzel hat es beim jüngsten Bundesparteitag der ÖVP auf
den Punkt gebracht: „Die Neutralität steht heute nicht zur Disposition,
sondern zur Diskussion. Und wir können nicht neutral sein zwischen
Mördern und Opfern.“ Zum Kanzler-Vorschlag: „Ich lasse mir von Klima
keinen Maulkorb umhängen.“ Stenzel will sich - wie nun auch Schüssel
- für eine Friedensordnung einsetzen, die mit der Neutralität vereinbar
ist. Das Thema Neutralität wurde in den vergangenen Jahren immer
wieder heftig diskutiert, zumal sich die Voraussetzungen seit dem
Fallen des Eisernen Vorhangs wesentlich geändert haben. Vertreter
der ÖVP und der FPÖ haben sich für einen Beitritt zur NATO eingesetzt.
ÖVP-Chef Schüssel hat beim Bundesparteitag die Weichen allerdings
etwas umgestellt: Der NATO-Beitritt sei zur Zeit nicht aktuell.
SPÖ und Grüne waren schon bisher strikte NATO-Gegner. Auch die Liberalen
sind für andere Modelle. Glaubt man den Meinungsumfragen, so ist
nach wie vor - und angesichts des Krieges in Jugoslawien erst recht
- eine starke Mehrheit für die Beibehaltung der Neutralität. Es
besteht natürlich auch die Angst, wären wir jetzt bei der NATO,
dann müßten unsere Söhne in Jugoslawien in den Krieg ziehen. Diese
Befürchtung wäre unbegründet, denn der Einsatz der einzelnen NATO-Länder
beruht auf Freiwilligkeit.
Schlüssel zur Freiheit
Die starke Bindung an die Neutralität in Österreich ist tief verwurzelt.
Schließlich war diese 1955 der Schlüssel zur Freiheit Die damalige
Große Koalition mit dem St. Pöltner Baumeister Julius Raab als Kanzler
und dem aus dem Tullnerfeld stammenden Außenminister Leopold Figl
konnte so die Bedenken der Sowjets zerstreuen, Österreich könnte
zu einem, noch weiter in den Osten geschobenen Stützpunkt der NATO
werden. Wenige Monate nach Abschluß des Staatsvertrages hat der
Nationalrat am 26. Oktober 1955 das Bundesverfassungsgesetz über
die „immerwährende Neutralität“ beschlossen - „zum Zwecke der Unverletzlichkeit
seines Gebietes“. Im Gesetz wird versprochen, die Neutralität mit
allem „zu Gebote stehenden Mitteln aufrechtzuerhalten und zu verteidigen“.
Ferner wird versichert, „in aller Zukunft keinen militärischen Bündnissen
beizutreten und die Errichtung militärischer Stückpunkte fremder
Staaten nicht zuzulassen“.
EU und Sicherheit
Nach der jetzigen Gesetzeslage ist Österreich verpflichtet, sich
aus militärischen Konflikten anderer Staaten strikt herauszuhalten.
Aber militärische Distanz heißt nicht Gesinnungsneutralität. Schließlich
gibt es auch die Satzung der UNO und die Menschenrechtskonvention.
Da ist Österreich gefordert, immer wieder seine Stimme zu erheben.
Das gilt auch für die furchtbaren Greuel im Kosovo. Österreich kann
auch nichtmilitärischen Bündnissen beitreten - wie das bei der EU
der Fall war. Aber die EU war von Beginn an nicht nur als Wirtschaftsunion,
sondern auch als Friedensgemeinschaft gedacht. Und im Vertrag von
Amsterdam heißt es, daß auch eine gemeinsame europäische Sicherheitspolitik
angestrebt wird. Wie weit hier die Westeuropäische Union, die NATO
und die „Partnerschaft für den Frieden“ eine Rolle spielen werden,
kann man heute noch nicht sagen.
Vor neuer Entscheidung
Es scheint aber fast sicher, daß auch für Österreich bald nach
dem Jahr 2000 eine neue Sicherheitspolitik zur Entscheidung vorliegt.
Es muß uns auch klar sein, daß unser Bundesheer heute kaum in der
Lage wäre, unser Land gegen einen modern ausgerüsteten Gegner wirksam
zu verteidigen - ohne Beistand von außen. Es ist daher im Sinne
des „Bonum Commune“, des Allgemeinwohles, daß zumindest die großen
Parteien in dieser zentralen Frage der Friedens- und Sicherheitspolitik
einen gemeinsamen Nenner finden. Er sollte auch unserer langjährigen
Rolle als ausgleichender Faktor zwischen den westlichen und östlichen
Ländern Europas in einer neuen Perspektive gerecht werden können.
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