Bauernbefreiung durch Mobilität
Heute sind die Bauern in vielem wieder unfrei geworden. Sie sind
gebunden an einen Markt, der ihre freie Tätigkeit weitgehend bestimmt,
in manchen Sparten sogar in Frage stellt. Ihr Selbstwertgefühl ist
bedroht, ihr prozentueller Anteil an der Bevölkerung stark gesunken.
Auch die Lebensmittel sind heute am internationalen Markt oft billiger
zu bekommen. Der Schlüssel für eine neue Befreiung heißt Mobilität.
Das ist nicht nur eine Überlebensstrategie für die Bauern, sondern
trifft heute fast alle Berufszweige. Diese Befreiung kommt auch
für den Landwirt aus der Bereitschaft für neue Entwicklungen, die
man kreativ mitgestaltet. Neben den traditionellen Formen der Landwirtschaft
bieten sich Spezialgebiete an, wie der biologische Landbau, der
Tourismus und die Gästebeherbergung, die Energie- und Rohstofferzeugung
und vieles mehr. Für diese Art der Freiheit sind viele Voraussetzungen
nötig. Die um sich greifende Angst vor einer beruflich unsicheren
Zukunft läßt sich nicht nur durch moralische Appelle beheben und
auch nicht durch die Forderung nach neuen Strukturen, sondern nur
durch eine neue innere Haltung und Befähigung des Menschen, mit
dieser Bedrohung fertig zu werden. Und das braucht auch Voraussetzungen.
Gestärktes Selbstbewußtsein
Selbstbewußtsein setzt voraus, daß man sich selbst gut kennt, sich
selbst findet. Richtig verstanden bedeutet Selbstfindung, sich seiner
Fähigkeiten bewußt werden, den Mut zu bekommen, sie zu entfalten,
aber auch realistisch die eigenen Grenzen einsehen und ertragen
lernen. Selbstsicher wird, wer die Ereignisse um sich zu analysieren
und zu deuten versteht, nicht getrieben wird von dem, was geschieht
und was an ihn herangetragen wird, und der aus der Fülle der Informationen
das Wesentliche auswählen kann. Selbständig ist, wer Verantwortung
zu übernehmen bereit und auch fähig ist. Das verlorene Selbstbewußtsein
in der Gesellschaft kann nicht durch Kampf um frühere Positionen
wiedererlangt werden, sondern durch das Entdecken der eigenen Wichtigkeit
innerhalb einer veränderten Wirtschaft und einer veränderten Gesellschaft.
Aus- und Weiterbildung
Sicher sind alle stolz, daß das Ausbildungssystem für die Landwirtschaft
in den letzten Jahrzehnten ungeheuer gewachsen ist. Ich meine, daß
es noch mehr Angebote für kombinierte Berufsausbildungen geben müßte.
Wenn heute mehrere Berufe verlangt werden, müßte eine möglichst
professionelle Ausbildung dafür erfolgen. In dieser multifunktionellen
Tätigkeit aber selbst kreativ und erfinderisch sein zu können, bedeutet
ständige Weiterbildung. Selbst kreativ sein kann nur, wer die Entwicklungen,
die sich heute so rasant ereignen, einigermaßen zu deuten weiß,
und wer die Trends schon ab- und vorauslesen kann.
Religiöser Glaube
Als Bischof macht es mir Sorge, daß nun auch der ländliche Raum
immer schneller säkularisiert wird. Es geht mir dabei nicht darum,
daß die Kirche dadurch ihre feste Bastion am Land zu verlieren droht,
sondern um die geistige und geistig-menschliche Substanz, die dadurch
verlorengeht. Wirkliche Bauernbefreiung ereignet sich am nachhaltigsten
in der Bindung an Gott, nicht weil der Mensch damit in seiner Würde
eingeengt wird, sondern größer gesehen wird. Vor Gott sehe ich mein
Leben tiefer, meine Anlagen als eine Aufgabe, die er mir gegeben
hat für diese Zeit und diese Gesellschaft.
Familie
Vielfach ist die Familie durch gesellschaftliche Veränderungen
in die Krise geraten. Für die Familien in der Landwirtschaft trifft
das besonders zu. Die bäuerliche Familie ist vor ganz neue Probleme
gestellt. Gelungene eheliche Partnerschaften und Familien helfen
in vielfacher Hinsicht, die neuen Herausforderungen bewältigen zu
können. Hier scheint mir das Erzieherische so wichtig zu sein, daß
gerade in einer selbständigen, kreativen, freien Bauernfamilie junge
Menschen heranwachsen, die frühzeitig zu Selbständigkeit befähigt
werden. Freilich auch um den Preis, daß sie dann andere Wege gehen
als ihre Eltern geplant hätten.
Differenzierte Politik
Zur Befreiung der Bauern hilft nur eine differenzierte und keine
einseitige Politik. Heute ist politischer Einsatz für die Zukunft
der in der Landwirtschaft Tätigen unbedingt nötig, vor allem im
zusammenwachsenden Europa. Es wird sicher nicht genügen, einseitig
um bisher erworbene Rechte der Bauern zu kämpfen, sondern den neuen
Gegebenheiten gerecht zu werden und die Bauern in eine neue Zukunft
zu führen. Jede Politik für Bauern wird, so sehr sie sich auch auf
diese konzentrieren muß, auch daran gemessen werden, wie sie sich
gegebenenfalls auch für die Befreiung anderer heute in unserer Gesellschaft
bedrohter Gruppen einsetzt.
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