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   Das Online Magazin der Katholischen Männerbewegung St. Pölten
     

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    Mai 1999 

Bauernbefreiung durch Mobilität

Heute sind die Bauern in vielem wieder unfrei geworden. Sie sind gebunden an einen Markt, der ihre freie Tätigkeit weitgehend bestimmt, in manchen Sparten sogar in Frage stellt. Ihr Selbstwertgefühl ist bedroht, ihr prozentueller Anteil an der Bevölkerung stark gesunken. Auch die Lebensmittel sind heute am internationalen Markt oft billiger zu bekommen. Der Schlüssel für eine neue Befreiung heißt Mobilität. Das ist nicht nur eine Überlebensstrategie für die Bauern, sondern trifft heute fast alle Berufszweige. Diese Befreiung kommt auch für den Landwirt aus der Bereitschaft für neue Entwicklungen, die man kreativ mitgestaltet. Neben den traditionellen Formen der Landwirtschaft bieten sich Spezialgebiete an, wie der biologische Landbau, der Tourismus und die Gästebeherbergung, die Energie- und Rohstofferzeugung und vieles mehr. Für diese Art der Freiheit sind viele Voraussetzungen nötig. Die um sich greifende Angst vor einer beruflich unsicheren Zukunft läßt sich nicht nur durch moralische Appelle beheben und auch nicht durch die Forderung nach neuen Strukturen, sondern nur durch eine neue innere Haltung und Befähigung des Menschen, mit dieser Bedrohung fertig zu werden. Und das braucht auch Voraussetzungen.

Gestärktes Selbstbewußtsein

Selbstbewußtsein setzt voraus, daß man sich selbst gut kennt, sich selbst findet. Richtig verstanden bedeutet Selbstfindung, sich seiner Fähigkeiten bewußt werden, den Mut zu bekommen, sie zu entfalten, aber auch realistisch die eigenen Grenzen einsehen und ertragen lernen. Selbstsicher wird, wer die Ereignisse um sich zu analysieren und zu deuten versteht, nicht getrieben wird von dem, was geschieht und was an ihn herangetragen wird, und der aus der Fülle der Informationen das Wesentliche auswählen kann. Selbständig ist, wer Verantwortung zu übernehmen bereit und auch fähig ist. Das verlorene Selbstbewußtsein in der Gesellschaft kann nicht durch Kampf um frühere Positionen wiedererlangt werden, sondern durch das Entdecken der eigenen Wichtigkeit innerhalb einer veränderten Wirtschaft und einer veränderten Gesellschaft.

Aus- und Weiterbildung

Sicher sind alle stolz, daß das Ausbildungssystem für die Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten ungeheuer gewachsen ist. Ich meine, daß es noch mehr Angebote für kombinierte Berufsausbildungen geben müßte. Wenn heute mehrere Berufe verlangt werden, müßte eine möglichst professionelle Ausbildung dafür erfolgen. In dieser multifunktionellen Tätigkeit aber selbst kreativ und erfinderisch sein zu können, bedeutet ständige Weiterbildung. Selbst kreativ sein kann nur, wer die Entwicklungen, die sich heute so rasant ereignen, einigermaßen zu deuten weiß, und wer die Trends schon ab- und vorauslesen kann.

Religiöser Glaube

Als Bischof macht es mir Sorge, daß nun auch der ländliche Raum immer schneller säkularisiert wird. Es geht mir dabei nicht darum, daß die Kirche dadurch ihre feste Bastion am Land zu verlieren droht, sondern um die geistige und geistig-menschliche Substanz, die dadurch verlorengeht. Wirkliche Bauernbefreiung ereignet sich am nachhaltigsten in der Bindung an Gott, nicht weil der Mensch damit in seiner Würde eingeengt wird, sondern größer gesehen wird. Vor Gott sehe ich mein Leben tiefer, meine Anlagen als eine Aufgabe, die er mir gegeben hat für diese Zeit und diese Gesellschaft.

Familie

Vielfach ist die Familie durch gesellschaftliche Veränderungen in die Krise geraten. Für die Familien in der Landwirtschaft trifft das besonders zu. Die bäuerliche Familie ist vor ganz neue Probleme gestellt. Gelungene eheliche Partnerschaften und Familien helfen in vielfacher Hinsicht, die neuen Herausforderungen bewältigen zu können. Hier scheint mir das Erzieherische so wichtig zu sein, daß gerade in einer selbständigen, kreativen, freien Bauernfamilie junge Menschen heranwachsen, die frühzeitig zu Selbständigkeit befähigt werden. Freilich auch um den Preis, daß sie dann andere Wege gehen als ihre Eltern geplant hätten.

Differenzierte Politik

Zur Befreiung der Bauern hilft nur eine differenzierte und keine einseitige Politik. Heute ist politischer Einsatz für die Zukunft der in der Landwirtschaft Tätigen unbedingt nötig, vor allem im zusammenwachsenden Europa. Es wird sicher nicht genügen, einseitig um bisher erworbene Rechte der Bauern zu kämpfen, sondern den neuen Gegebenheiten gerecht zu werden und die Bauern in eine neue Zukunft zu führen. Jede Politik für Bauern wird, so sehr sie sich auch auf diese konzentrieren muß, auch daran gemessen werden, wie sie sich gegebenenfalls auch für die Befreiung anderer heute in unserer Gesellschaft bedrohter Gruppen einsetzt.

 
 


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verantwortlich für den Inhalt: Josef Muhr