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Durch Danken entsteht Ernte

Erntedankfest mit Prof. OStR KR Ernst Güntschl, Wieselburg, 5. Oktober 2003 in St. Pölten

Man hat sich im Christentum der Antike über die Bäcker, Gerber, Silberschmiede und Sattler von Ephesos lustig gemacht, weil sie einander über den kleinen aber feinen theologischen Unterschied von "Christusgebärerin und Gottesgebärerin" in die Haare geraten waren. Und natürlich lächelt oder lacht noch heute so mancher und so manche über die sogenannte Jota–Theologie des 4. und 5. Jahrhunderts, als man die intellektuelle Rettung aus den Problemen und Aporien der Christologie (Gott und Mensch in einer Person) in der Unterscheidung von "wesensähnlich und wesensgleich" glaubte gefunden zu haben, die erst Kardinal König in seinen Gesprächen mit dem koptischen Papst SCHENUDA vor etwa 20 Jahren beilegte, also rund 1500 Jahre nach ihrem Entstehen.
Warum rede ich an einem Erntedankfest von diesem Schnee vom Vorjahr. Ich möchte Ihnen Lust auf einen kreativen Umgang mit der hl. Schrift machen. Nicht, dass wir ein Gesetz haben, nachdem wir sterben müssen ist das Entscheidende, sondern dass uns das Leben geschenkt wurde, und zwar in Fülle. Und dieses inspirierende Leben soll sich an diesem Erntetag und Erntedank zeigen, wenn das Bedankte zur Ernte wird.
Wenn uns, so wie wir hier sind, die Heiligen Schriften nicht befeuern und inspirieren, werden auch wir nicht inspirierend und anfeuernd wirken. Wir werden bestenfalls umständliche Begründungen für angefragte Sachverhalte unserer Tage liefern. Wir werden über den Umweg des Christentums für die Fragen unserer Zeit zum unbedarften Ezzesgeber mutieren, der seinen Stammplatz in den Seitenblicken erhält. Zur ZIB 1 wird es nicht mehr reichen. Und wir werden erfahren, dass es geradliniger und ohne christliche Relaisstationen auch geht. Das nennt man dann weinerlich die Marginalisierung des Christentums und wir werden nicht nur flüssig, sondern überflüssig.

Wenn wir aber überzeugt sind, dass wir etwas Unaufgebbares zu vertreten haben, etwas, das die Welt so machte, wie sie ist und das die Welt für ihren Weiterbestand immer noch braucht (siehe Hans MAYER, ehemaliger bayerischer Kultusminister in: „Welt ohne Christentum - was wäre anders?“), dann werden wir gegen den Strom der Zeitgeistigkeit und gegen die Anbiederung an modische Irrelevanzen zu den Quellen aufsteigen müssen. Denn wenn dereinst einmal jede Gehsteigkante dieser Erde behindertengerecht abgerundet ist, wird die Frage nach dem woher, wohin und wozu unseres Lebens immer noch ungelöst sein.
Wir können unsere Zeit nur inspirieren, begeistern, wenn wir uns inspirieren lassen. Und inspiriert ist, was inspirierend wirkt.
Wie einfach hat sich das theologische Gewürge um die Naherwartung im ersten Brief an die Thessalonicher geklärt, als man entdeckte: Nicht diese Menschen da werden (noch) leben, wenn Christus kommt, sondern wenn Christus kommt, werden wir leben. Und wie befreiend war es für David, die Fragen rund um den Tempelbau mit der zündenden Idee zu klären, dass nicht er Gott, sondern Gott ihm ein Haus bauen wird.
Das ist die Struktur aller Gleichnisse und Gedanken der Schrift: ihre inspirierende und begeisternde Kraft, kommt nicht wuchtig und gewaltig in schweren Stiefeln und blutigen Soldatenmänteln daher (Jes. 9,4), nicht mit der Kraft des Erdbebens, sondern zart und leise, im Säuseln des Abendlüfterls (1Kön. 19,11); irgendwo zwischen Beistrich und Gedankenstrich, also im Harmlosen, spielt sich das Neue und Überraschende ab, und genau damit ist es auch inspirierend.
Jeder suchende Mensch wird aus irgendeinem Sklavenhaus in irgendeinem Ägypten (nach Ex 20,2 der oft überlesenen Überschrift des Dekalogs) ins Risiko und in die Freiheit irgendeiner Wüste entlassen, weg von den Bequemlichkeiten sättigender Fleischtöpfe und weg von den Konserven der handlich abgepackten ewigen Wahrheiten.
Und so wird auch der fragende Mensch aus der Gesetzesgerechtigkeit der Pharisäer und den Tricks eines Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem selbstverschuldeten Schlamassel befreit, zur Freundschaft mit Gott berufen, wenn er von Jesus den einfachen Satz liest: Ich nenne dich nicht mehr Knecht, sondern Freund. (Joh. 15,15)
Es wird kein Jota vergehen, aber die Anordnung, die Priorität wird neu bedacht. Ich möchte mit Ihnen nicht Bibliotheken und dicke Bände wälzen, sondern die Interpunktionen neu oder anders setzen. Aller historischer Erfahrung zum Trotz: es sind keine Wiener Kongresse, welche die Welt verändern, sondern Emser Depeschen, wo man an den kleinen Schräubchen der Interpunktion drehte und die Welt plötzlich anders sah.
Es geht um Petitessen, wenn man ein kleines Steuerfeld bewegt, um das riesige Ruderblatt eines Schiffes zu steuern. Biblisch gesagt, es geht um ein winziges Samenkorn, aus dem der große Senfstrauch wird, in dem wir uns häuslich einrichten können. (Mt. 13,31)
Eine dieser scheinbaren Kleinigkeiten in unserem Leben war das Wasser bei unsere Taufe.

Sünde ist zu wenig Liebe

Ein neues Gebot gebe ich euch:
Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt. (Joh 13,34)

NICHT, dass ich Kritik an anderen Menschen übe, ist Sünde, sondern wenn ich es vorschnell oder lieblos tue, wenn ich andere herabsetze oder verletze.
NICHT, dass Neid, Schadenfreude oder Zorn in mir hochkommen, ist Sünde, sondern wenn ich mich diesen Gefühlen nicht widersetze, wenn ich sie nicht zu überwinden versuche, wenn ich mich in meinem Handeln davon leiten lasse.
NICHT, dass ich über andere rede, ist Sünde, sondern wenn ich gedankenlos oder gehässig Schlechtes von anderen erzähle und so ihrem Ruf schade.
NICHT, dass ich in manchen Situationen schweige, ist Sünde, sondern wenn ich dort schweige, wo andere erniedrigt, verleumdet oder ein Opfer von Lügen werden.
NICHT, dass ich in Konflikte und Auseinandersetzungen gerate, ist Sünde, sondern wenn ich ständig Streit vom Zaun breche, wenn ich nicht auf andere höre und nicht auf sie eingehe, wenn ich unversöhnlich bin.
NICHT, dass mir das Beten nicht immer gelingt, ist Sünde, sondern wenn ich es gar nicht mehr versuche und wenn mir für Gebet und Gottesdienst die Zeit zu schade ist.
NICHT, dass ich gut verdienen will, ist Sünde, sondern wenn ich es auf Kosten anderer tue, wenn andere dabei zu Schaden kommen, wenn ich zu unehrlichen Mitteln greife.
NICHT, dass ich in Wohlstand lebe, ist Sünde, sondern wenn er zu meinem Ein und Alles wird, wenn ich nicht mehr teilen kann, wenn ich kein Herz mehr habe für andere.
NICHT, dass ich auf meinen Rechten bestehe, ist Sünde, sondern wenn ich dabei die Rechte anderer missachte, wenn ich rücksichtslos und hartherzig bin.
NICHT, dass ich die schönen Dinge des Lebens genieße, ist Sünde, sondern wenn ich unersättlich, unmäßig und undankbar bin.
NICHT, dass ich sexuelle Wünsche und Regungen verspüre, ist Sünde, sondern wenn ich mich von meinen Trieben beherrschen lasse, wenn ich andere Menschen als Objekt meiner Begierde missbrauche.
NICHT, dass mir Menschen unsympathisch sind, ist Sünde, sondern wenn ich deswegen ungerecht über sie urteile, wenn ich sie diskriminiere oder verachte.
NICHT, dass mich manchmal Glaubenszweifel überkommen, ist Sünde, sondern wenn ich mich nicht ernsthaft über den Glauben informiere, wenn mir Gott gleichgültig ist.
NICHT, dass ich mich darum bemühe, meine Zukunft zu sichern, ist Sünde, sondern wenn ich ohne Gott auszukommen meine, wenn ich nicht mehr glaube, dass mein Leben in der Hand Gottes liegt.

...durch den Dank das Bedankte zur Ernte zu erklären

Es ist nicht die Lust am Verdrehen des Bekannten, die mich veranlasst hat, den Begriff des Dankes, des Erntedankes auf den Kopf zu stellen und durch den Dank das Bedankte zur Ernte zu erklären.
Meine über 30jährige Erfahrung im Umgang mit den schriftlichen Dokumenten unseres Glaubens, rund 30.000 Religionsstunden und 800 erwachsenenbildnerische Vorträge hat mich gelehrt, dass es die Kleinigkeit, die andere Betonung, das ganz harmlose Beispiel ist, das beim Entpacken Wichtiges freisetzt. DANKE.
Sie kennen die Akrobatik in den Auslegungsversuchen mit dem einen Denar, den der Weinbergbesitzer den jede Stunde aufs Neue engagierten Taglöhnern gibt. Lange meinte man, hier gilt es eine soziale Problematik zu lösen. Es geht jedoch darum, was man im Weinberg des Herrn gewinnen kann, ist der eine und einzige Christus allein, der jedem und jeder von uns versprochen wurde, egal wie hoch die eigene Leistung ist.
Was wurde nicht alles in den Schatz im Acker oder in die kostbare Perle hineininterpretiert, den der suchende Mensch findet oder übersieht. Mir scheint es zielführender zu sein, im Sinne Jesu, Gott die Hauptrolle spielen zu lassen: Er sucht, was verloren ist und entdeckt im Acker der Welt den Schatz, der ihm unendlich viel wert ist: DEN MENSCHEN, Sie und Sie und dich und mich. Wir Menschen sind die wunderschöne Perle, die Gott um jeden Preis, um den Preis seines Sohnes, ins Diadem seiner schekina, seiner Gloria Dei einbauen will. DANKE.
Und deswegen will ich heute nicht etwas ernten und dafür danken. Ich möchte, und ich bitte Sie mich dabei zu begleiten, wenn wir danken und das Bedankte dadurch zur Ernte erklären.
Die beiden biblischen Grundworte für danken sind eulogein und eucharistein. Also: Gutes sagen und unseren Charme, den charis, den uns Gott gegeben hat, für gut empfinden. Die Sprachgeschichte eines Wortes, eines Begriffes, konserviert die darin niedergelegte Mentalitätsgeschichte und hat sie bis heute bewahrt.
Diese Worte sind die magna charta menschlicher, christlicher Würde: wir danken=segnen=loben - also sind wir. Damit zeigt sich die Partnerschaft, ja die Freundschaft zu Gott. In diesem Tun wird wahr, was der Ps. 8,6 von uns, zumindest, nach dem hebräischen Urtext behauptet: „Es fehlte nicht viel, und der Mensch wäre wie Du“ (=Gott). Kein Wunder, dass die Übersetzer diese Stelle abschwächen. Der große Romano Guardini z.B. beschwichtigt: „Nur wenig hast du ihn unter die Engel gesetzt“. Das aber gibt der hebräische Text wirklich nicht her. Ich rate Ihnen, die Brauchbarkeit einer Übersetzung des Ersten Testaments nach dieser Stelle zu beurteilen. Und bedenken Sie bitte auch immer das Bonmot von Friedrich Torberg, wonach man „übersetzen“ als „üb - ersetzen“ schreiben müsste. Wenn es im Ps. 18, 30 heißt: „Mit meinem Gott überspring ich Mauern“ dann wird jede Angst, jede Kleingläubigkeit und Furchtsamkeit dem Leben von seinem Anfang bis zum Ende genommen. Denn wenn die Gnade Gottes in uns nicht wirkungslos geblieben ist (2 Kor 6,1), können wir alles, in dem der uns stärkt (Phil 4,13). DANKE.
Das ist ein Einfluss von oben, der mit der naturgesetzlichen Treffsicherheit von Regen und Schnee auf dürstendes, verdorrtes Land fällt und unweigerlich Frucht bringt.
Vielleicht schränkt jetzt jemand ein: Aber wieviel, was schaut dabei heraus? Wir werden getröstet: das Reich Gottes, der Reichtum Gottes verträgt auch 30 oder 60 faltige Frucht durch den Menschen, und fallweise ist ohnedies 100% versprochen. Ludwig Ehrhard hat in den 50er Jahren bei einer Bundestagswahl in Deutschland den Slogan ausgegeben: Wir sind wieder wer, und hat viel Spott damit geerntet. Mit wieviel mehr Recht können wir diesen Satz: Wir sind – seit Christus Jesus - wieder wer, auf uns anwenden und von uns aussagen. DANKE.
Mit diesem Mut, dieser Einladung, zu ergänzen was am Leiden Christi noch fehlt, reißen wir die Riegel, die Schranken, die uns hindern, zu Gott zu gelangen, nieder. Die frühmittelalterliche, psychologisch geprägte Scholastik sprach vom obex, vom Riegel, der durch die Feier der Sakramente beseitigt wird. Kleinmut und Kleingläubigkeit zerfallen wie modernde Kleider, Rost und Motten verzehren Furcht und Angst.
Was am Leiden Christi noch fehlt, übernimmt und offenbart der Getaufte, wir sind Gottes letzte Botschaft an diese Welt, denn der hat nur uns und unsere Füße und Hände. Nur lesbar und verständlich müssen wir werden und bleiben und sein. Sie kennen vielleicht dieses alte Gebet aus Flandern. Der Getaufte wird zur Botschaft an die Welt, er offenbart, was noch unklar ist, was in diese Zeit noch hinein buchstabiert werden muss, was wir ausrichten müssen, koste es was es wolle. Wir werden nicht mehr belehrt, wir werden selber zur Lehre. Dieser ostkirchliche Gedanke beschreibt das Offenbarwerden der Söhne und Töchter des Lichtes, ja wir werden zu einer lichten Stadt auf einem Berg in einer dunklen Welt, die gleichsam noch in Wehen liegt, in welche die Wahrheit noch hineingeboren werden soll. Nicht mit bürgerlicher Bravheit werden oder sollen wir auffallen, sondern die Berufung zum Prophetenamt erlaubt uns, lebendige, lebende Lehre zu sein, mit unserem Leben zu lehren. DANKE.
Die Schrift legt uns das Loben und Danken ohne Ende nahe. Wir verkriechen uns zu oft in Bitten und Jammern, über uns, über die Zeit, über die Anderen.
Also auf zu Lob und Dank und Preis. Nicht uns, nicht wir, nicht ich noch du sollten wir deklinieren, es geht um Gott; ihn sollen wir ehren, indem wir danken, dass wir danken können.
Im Dank distanzieren wir uns aus Hektik und Betriebsamkeit, im Dank gewinnen wir Abstand, um Liebe von Egoismus zu trennen, Opfer von Masochismus, Verzicht von Selbstkasteiung. Im Dank überspringen wir den garstigen Graben der Trennung der Welt in Objekt und Subjekt, wir entlarven das „Ding an sich“ als Chimäre und Popanz, wir reichen der Welt die Hand, und treten in Beziehung. Relationale Dogmatik wird das seit Frau Dorothea SATTLERS genialer Habilitation vor 10 Jahren genannt, wäre aber in einer uralten Trinitätstheologie schon enthalten gewesen, in der ja auch die drei Personen durch ihre Beziehungen, wenn man so will, entstehen, zumindest für unser Denken.
In einem leider sehr unbekannten Wort sagte der jetzige Papst in Assisi (bei den heurigen Salzburger Hochschulwochen wurde es oft zitiert!): die Kirche muss mit den Anderen reden und beten, um zu entdecken, wer sie selber ist. Nicht aus sich allein statuiert sie ihre Identität. Erst im Dialog gewinnt sie ihre Eigenart, ihr Wesen.
Wenn wir von den technischen Begriffen wie Dialog und Identität weggehen und im Sinn unseres unvergessenen Bischofs Alois uns als Bauleute Gottes verstehen, die als lebendige Steine seine leuchtende Stadt auf dem Berg bauen, entsteht tiefe Dankbarkeit:
-Gegenüber Gott, dass er uns aus der Finsternis in das Licht seines Sohnes versetzte (=hinüberriss! Kol. 1,13)
-Gegenüber den Menschen, und die Christen an meiner Seite, die wir Hand in Hand an der Hand Christi heimführen und so selber heimgeführt werden.
-Gegen mich selber, der ich durch meinen Dank die Welt in die himmlischen Scheunen als bleibende Frucht einfahre, auf dass für das himmlische Hochzeitsmahl genügend zu essen und zu trinken da ist.
DANKE.

 

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